SZ-Kolumne: Auf Station, Folge 11:Das Horrorszenario im Krankenzimmer

Arzt im Krankenhaus

Extremsituation in der Klinik (Symbolfoto).

(Foto: Arno Burgi/dpa)

Massive Übelkeit, Kopfschmerzen, die Pupillen geweitet: Pflegerin Julia Rettenberger berichtet von einem Mann, der eine Blutung unter der Hirnhaut erleidet.

Protokoll: Johanna Feckl

Es ist noch nicht lange her, als wir mal wieder das Fenster in einem unserer Patientenzimmer gekippt haben. Zuvor waren einem Mann um die 50 im Herzkatheter-Labor unserer Klinik drei Stents gesetzt worden. Danach kam er zu uns auf die Intensiv. Kurze Zeit später: massive Übelkeit, Kopfschmerzen, die Pupillen unterschiedlich geweitet. Das CT brachte Gewissheit: Der Mann hatte eine Blutung unter der Hirnhaut - ein neurologisches Horrorszenario.

Intensivpflege Fachkraft Kreisklinik Ebersberg

Julia Rettenberger.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Der Mann musste sofort in eine Spezialklinik, ansonsten drohte der Hirntod. Also: Leitstelle anrufen, Hubschrauber ordern. Da der Landeplatz in Ebersberg hinter der evangelischen Kirche und somit gut 500 Meter von der Klinik entfernt liegt, kippen wir in solchen Fällen das Fenster. So hören wir das Schnalzen der Heli-Rotorblätter und wissen: Jetzt geht's los.

Dass wir einen Intensivpatienten per Hubschrauber verlegen müssen, passiert mal nur ein Mal im Monat, dann wieder zwei Mal pro Woche. Intensivtransport-Helis gibt es in der Region drei: in München, Murnau und Regensburg. Wie lange es dauert, bis einer da ist, kann die Leitstelle nur ungefähr sagen. Von 30 Minuten bis zu drei Stunden oder auch gar nicht, wenn zum Beispiel die Wetterlage einen Flug nicht zulässt - alles ist möglich. Ist es zu stürmisch, dann geschieht der Transport per Intensiv-Rettungswagen.

Zusammen mit einer Kollegin habe ich alle Unterlagen vorbereitet: Laboruntersuchungen, EGK-Werte, Blutgas- und Vitalwerte, vorläufiger Arztbrief und private Unterlagen wie die Gesundheitskarte. Wir überprüfen, ob die Infusionsmedikamente für den Transport ausreichen. Die Beatmung stellen wir optimal ein und checken sie nochmals, denn einmal in der Luft gibt es keine Möglichkeit mehr, Blutgaswerte zu messen und die Beatmung dementsprechend anzupassen. Wenn möglich, legen wir dem Patienten einen zentralvenösen Katheter, weil das der sicherste Zugang ist, um Medikamente zu verabreichen. Und: Wir stellen sicher, dass der Zustand des Patienten stabil genug für den Transport ist.

Dieses Mal dauerte es etwa 45 Minuten, bis das Hubschrauber-Team bei uns war. Es bestand aus einem Notarzt und zwei Rettungssanitätern; der Pilot blieb wie immer beim Hubschrauber. Vom Rettungswagen, mit dem der Patient zum Landeplatz gebracht wurde, waren zwei Rettungssanitäter da. Zu sechst lagerten wir den Mann mit einem Rollbrett auf eine Transportliege um. Und dann ist es passiert: Unser Patient wurde instabil. Würde er den Transport überhaupt schaffen?

Klar war: In diesem Zustand kann er nicht fliegen. Wir gaben ihm 30 Minuten Zeit. Währenddessen haben unser Team und die Heli-Crew alle Patienteninfos ausgetauscht. Danach war der Mann wieder so weit fit, dass es weitergehen konnte, hinaus zum Landeplatz. Als wenig später erneut das Schnalzen der Rotorblätter zu hören war, habe ich das gekippte Fenster wieder geschlossen.

Julia Rettenberger ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 27-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit an der Kreisklinik in Ebersberg. Alle Kolumnen unter sz.de/thema/auf_station.

© SZ vom 19.07.2021/koei
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