SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 188Familienzusammenkunft unter widrigen Umständen

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Zu Weihnachten versammeln sich in vielen Wohnzimmern alle Familienmitglieder.
Zu Weihnachten versammeln sich in vielen Wohnzimmern alle Familienmitglieder. Karl-Josef Hildenbrand/dpa

In der Zeit zwischen den Jahren kommen viele Familien zusammen, um die Feiertage gemeinsam zu verbringen. Doch Pola Gülberg kennt auch tragische Gründe für Zusammenkünfte – und trotzdem verlaufen die manchmal unglaublich schön.

Protokoll von Johanna Feckl, Ebersberg

Es war im Nachtdienst, als ich gerade am Stationsstützpunkt saß und die Kurven meiner Patienten schrieb. Auf dem Überwachungsmonitor bemerkte ich, dass der Blutdruck von einem von ihnen rapide sank. Unsere Ärztin wollte nach dem Rechten sehen. Weil sein Blutdruck weiter sank, machte auch ich mich wenig später auf den Weg – keine Sekunde zu früh, denn als ich ins Zimmer trat, rief die Ärztin bereits um Unterstützung. Der Mann krampfte, auf dem Monitor neben ihm eine Nulllinie – sein Herz war stehen geblieben.

Er war Anfang 70, Dialysepatient, Diabetiker und herzvorerkrankt. In die Klinik kam er, weil ihn Atembeschwerden plagten. Beim Röntgen waren ein paar gebrochene Rippen zu erkennen – kurz davor habe er sich an einer Kiste gestoßen, erzählte er. Er hatte sich nichts weiter dabei gedacht. Als sich auf Normalstation zwischen den Brüchen und der Lunge eine Entzündung bildete, kam er zu uns – er hatte eine Sepsis, eine Blutvergiftung.

SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 176
:Bitte ruhig bleiben!

Die Sorgen und Anspannung von Angehörigen wirken sich auf den Patienten von Pola Gülberg aus – er zeigt Anzeichen von Stress. Das gefährdet den Genesungsprozess. Was die Pflegerin in einem solchen Fall dann macht.

Protokoll: Johanna Feckl

Zum Glück konnten wir das Herz stabilisieren, leider ohne zu wissen, was den Stillstand ausgelöst hat. Wir machten alle möglichen Tests, doch entweder fielen sie negativ aus, oder die Proben gingen in externe Labore – bis wir da die Ergebnisse haben, dauert es.

Zu Beginn der nächsten Nachtschicht gab mir die Ärztin Bescheid, dass sie die Angehörigen benachrichtigt hat: Sie sollten sich verabschieden, denn sollte es noch einmal zu einem Herzstillstand kommen, dann würde der Mann das ziemlich sicher nicht überleben.

Als seine Frau eintraf, hatte sie schon viele Tränen geweint, sie verstand die Welt nicht mehr. Warum stand das Leben ihres Mannes plötzlich auf der Kippe, wenn er doch nur leichte Atembeschwerden hatte und er sich gerade lachend mit einem der gemeinsamen Kinder unterhielt? Es gab zwei Ursachen dafür: Zum einen hatte mein Patient seine Herzerkrankung vor der Familie verheimlicht – er war viel kranker als alle dachten. Zum anderen heißt Sterben nicht immer, dass jemand kreidebleich mit röchelnder Atmung da liegt und nicht mehr ansprechbar ist – der Tod kann viele Gesichter annehmen.

Intensivfachpflegerin Pola Gülberg von der Ebersberger Kreisklinik.
Intensivfachpflegerin Pola Gülberg von der Ebersberger Kreisklinik. Peter Hinz-Rosin

Mittlerweile hatte sich die ganze Familie um ihn versammelt, drei Generationen. Als ich dazu trat, um ein Medikament zu wechseln, wurde ich sogleich in eine wohlige Atmosphäre gehüllt – sie ratschten, lachten, die Stimmung war toll.

Bevor die erwachsenen Kinder wieder gingen, bedankten sie sich bei uns – sollte ihr Vater die Nacht nicht überleben, dann wären sie alle noch einmal zusammen gewesen, mit guter Laune. Sollte es anders kommen, dann sei es trotzdem gut gewesen. Denn es kam ihnen so vor, als ob ihr Vater dadurch Auftrieb bekommen hat. Das hatte er auch. Die Tage zuvor hat er kaum geschlafen – jetzt tat er es friedlich wie ein Baby. Seine Werte verbesserten sich ebenfalls. Einige Tage später wurde er für eine OP in eine andere Klinik verlegt.

Mir ging diese Nacht lange im Kopf umher. Weil sie mir gezeigt hat, dass eine Zusammenkunft mit den Liebsten schön ist, selbst wenn sie am Krankenbett stattfindet – und nicht unter dem Christbaum.

Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 40-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit an der Kreisklinik in Ebersberg. Die gesammelten Texte sind unter sueddeutsche.de/thema/Auf Station zu finden.

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SZ-Pflegekolumne: Auf Station
:Stille Nacht im Krankenhaus

Wenn es draußen dunkel wird, kehrt Ruhe ein rund um die Ebersberger Kreisklinik. Und drinnen auf der Intensivstation? Ein Nachtdienst mit Pflegerin Pola Gülberg.

SZ PlusVon Johanna Feckl und Peter Hinz-Rosin

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