SZ-Kolumne: Auf Station, Folge 4:Ein Handmodel werde ich keines mehr

Intensivpflege Fachkraft Kreisklinik Ebersberg

Julia Rettenberger, Pflegefachkraft für Intensiv und Anästhesie, in der Kreisklinik Ebersberg. Blaue Handschuhe sind ihr steter Begleiter.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Julia Rettenberger berichtet über den Mangel an Plastikhandschuhen auf Station - und wie die Pflegeteams eine regelrechte Dealerei für S-Größen eröffneten.

Protokoll: Johanna Feckl

Auf unserer Station haben wir sogenannte Pflegewagen. In den verschiedenen Fächern sind unter anderem Boxen verstaut, aus denen sich einzeln Einweghandschuhe herausziehen lassen - wie bei einer Packung mit Kosmetiktüchern, die es im Drogeriemarkt zu kaufen gibt. Dabei gibt es eine Sache, die uns Pflegekräfte wahnsinnig macht: Du brauchst ein Paar frische Handschuhe, ziehst und zack! Einen hast du in der Hand, 30 weitere liegen auf dem Boden verteilt. Besonders blöd, wenn dann auch noch akuter Handschuhmangel herrscht, wie es in den vergangenen Monaten der Fall war. Und wer hat Schuld? Corona natürlich.

Den weltweiten Handel von Einweghandschuhen dominiert Malaysia. Um die 65 Prozent aller Handschuhe, die in der Medizin gebraucht werden, haben dort ihre Produktionsstätte. Allein die Firma "Top Glove" stellt gut ein Viertel aller Handschuhe her, so behauptet es der Betrieb zumindest selbst. Genau dort ist es im vergangenen Jahr zu einem Corona-Ausbruch gekommen. 2500 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen wurden allein im November positiv auf das Coronavirus getestet. Mehrere Fabriken wurden geschlossen oder die Produktion dort stark eingeschränkt. Das hat gereicht, um den Weltmarkt über mehrere Monate hinweg lahm zu legen.

Lange Zeit hatten wir nur noch Handschuhe in Größe L und XL übrig. Ich bin eine S-Trägerin, wie fast alle meiner Kolleginnen. Mit den großen Handschuhen waren Routine-Aufgaben wie das Lösen eines Pflasters oder ein Verbandwechsel gar nicht mehr so einfach - das Feingefühl war getrübt. Dadurch dominierte eine Frage jedes Gespräch im Kollegium: Habt ihr noch Handschuhe in S übrig? Es hätte nicht mehr viel gefehlt und wir hätten eine kleine interne Handschuh-Dealerei am Laufen gehabt. Aber dazu ist es schließlich doch nicht gekommen: Seit gut sechs Wochen läuft die Lieferung ihren gewohnten Gang - und es gibt endlich wieder S.

Eine praktische Sache hatte der Mangel trotzdem: Normalerweise trägt man die Handschuhe streng über der Haut, das ständige An- und Ausziehen ist mühsam und hinterlässt seine Spuren. 150 Stück blaue Handschuhe sind in unseren aktuellen Boxen enthalten - welche Farbe wir da haben, richtet sich übrigens nach dem aktuell günstigsten Preis. In einer Schicht verbrauche ich ungefähr eine Packung, das sind mehr als 70 Handschuhwechsel. Deshalb sind die Hände einer typischen Pflegekraft trocken und rissig - ein Handmodel werde ich keines mehr. Die übergroßen Handschuhe konnte ich aber einfach wegschütteln, wenn ich sie wechseln wollte. Meine Haut fand das toll.

Intensivpflege Fachkraft Kreisklinik Ebersberg

Julia Rettenberger.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Julia Rettenberger ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 27-Jährige jeden Montag von ihrer Arbeit an der Ebersberger Kreisklinik. Die gesammelten Texte finden Sie hier.

© SZ vom 31.05.2021/koei
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