Süddeutsche Zeitung

SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 152:Drogenkonsum hinterlässt Zahnruinen

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Das Gebiss einer Patientin besteht fast nur noch aus Stummeln, an einigen Stellen im Mund gibt es eitrige Wunden. Einen solchen Zustand hat selbst Pola Gülberg noch nie gesehen. Und die Patientin ist gerade einmal in ihren 30ern.

Protokoll: Johanna Feckl, Ebersberg

Als ich den Mund meiner Patientin sah, bin ich erschrocken. Mittlerweile habe ich in meinem Beruf schon viel erlebt, da bringt mich so leicht nichts mehr aus der Ruhe. Anders war es in diesem Fall: Die Frau war erst um die 30, doch ihr Gebiss bestand nur noch aus einem einzigen vollständigen Zahn. Wobei selbst hier "vollständig" nicht ganz richtig ist, denn er war von allen Seiten schon stark angegriffen. Alle übrigen Zähne waren auf Höhe des Zahnfleisches abgebrochen. Noch nie zuvor habe ich einen solch katastrophalen Zahnstatus gesehen.

Schlechte Zähne erlebe ich meistens bei Patienten mit einer Drogengeschichte. Rauschmittel wie Heroin oder Crack, je nach Konsumart auch Kokain, greifen stark die Schleimhäute an. Das führt dazu, dass sich das Zahnfleisch zusammenzieht, die Zähne haben dadurch weniger Halt und können leicht ausfallen. Bei meiner Patientin waren sie aber abgebrochen - das ist schon noch mal eine andere Hausnummer.

Drogenmissbrauch ist typisch dafür, dass Betroffene Verschiedenes in ihrem Leben vernachlässigen - alles dreht sich irgendwann nur noch um den Konsum. Da spielt Mundhygiene dann keine Rolle mehr. Es sind also nicht nur gewisse Drogen an sich, die sich negativ auf die Zahngesundheit auswirken, sondern auch die Begleiterscheinungen einer Suchterkrankung.

Die Patientin musste, noch bevor sie in meine Obhut kam, wegen einer Lungenentzündung intubiert werden. Danach herrschte der Verdacht, dass beim Einführen des Tubus in Kombination mit dem außerordentlich schlechten Zustand ihrer Zähne möglicherweise einer abgebrochen sein könnte. Sollte sich das bestätigen, wäre das spätestens bei der Extubation ein Problem: Ein loser Zahn im Mund kann schnell in die Luftröhre gelangen. Also war es meine Aufgabe, bei der ersten Mundpflege nach der Bauchlage darauf zu achten, ob irgendwo ein hartes Stückchen ist, dass da nicht hingehörte.

Mundpflege ist wichtig in meiner Arbeit, gerade nach einer Intubation. Die Mundhöhle ist feucht und warm, also ein perfekter Nährboden für Bakterien und Pilze. Bei intubierten Patienten verändert sich die Mundflora. Antiseptische Spülungen mehrmals täglich sind deshalb unerlässlich. Unter anderem tunke ich dafür Denta-Swabs - das sind Stäbchen mit einem kleinen Schwamm an der Spitze -in eine antiseptische Mundwasserlösung und wische mit jedem einmal durch den Mund.

Und tatsächlich stieß ich dabei auf einen abgebrochenen Zahn. Aber nicht nur das: Ich entdeckte, dass das Zahnfleisch an einigen Stellen sehr eitrig war. Das könnte den Zustand meiner Patientin verschlechtern, oder sogar der grundlegende Auslöser ihrer Infektion gewesen sein. Denn bei Eiter liegt eine Entzündung vor. Eine solche kann sich bei Nichtbehandlung bis hin zu einer Sepsis auswachsen und die Organe angreifen. Zähneputzen und Zahnpflege sind also recht sinnvolle Tätigkeiten. Denn eine gute Mundhygiene ist wichtig für den gesamten Gesundheitszustand.

Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 39-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit an der Kreisklinik in Ebersberg. Die gesammelten Texte sind unter sueddeutsche.de/thema/Auf Station zu finden.

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