SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 193Unnötige Amputation

Lesezeit: 2 Min.

Dass ein Leben trotz amputierter Beine erfüllend ist, zeigen zum Beispiel regelmäßig Sportlerinnen und Sportler bei den Paralympics. Dass jemand beide Beine verliert, weil er ein paar einfache Verhaltensweisen strikt ablehnt, erscheint trotzdem absurd.
Dass ein Leben trotz amputierter Beine erfüllend ist, zeigen zum Beispiel regelmäßig Sportlerinnen und Sportler bei den Paralympics. Dass jemand beide Beine verliert, weil er ein paar einfache Verhaltensweisen strikt ablehnt, erscheint trotzdem absurd. (Foto: Jens Büttner/dpa)

Einem Patienten von Pola Gülberg droht die Abnahme seines rechten Beines – sein linkes ist bereits amputiert. Dass es so weit gekommen ist, hat der Mann größtenteils selbst zu verantworten.

Protokoll von Johanna Feckl, Ebersberg

Obwohl mein Patient erst zwischen 50 und 60 Jahre alt war, lebte er in einem Pflegeheim. Sein linkes Bein war oberhalb des Knies amputiert, im Alltag war er auf Hilfe angewiesen. Zu uns führte ihn eine Sepsis, eine Blutvergiftung, weil sich eine Wunde am Fuß infiziert hatte. Es bestand die Gefahr, dass sein zweites Bein ebenfalls amputiert werden muss. Eine schreckliche Aussicht, oder? Doch mein Patient zeigte sich völlig ungerührt.

Amputationen erleben wir gar nicht mal so selten, meistens sind es Zehen, Teile des Fußes oder die Finger. Für gewöhnlich sehen wir zwei Krankheitsbilder mit einer solchen Folge: Diabetes und PAVK – das steht für periphere arterielle Verschlusskrankheit. Dabei sind die Blutgefäße vor allem in den Beinen verengt, sodass die betroffene Region mit zu wenig Sauerstoff versorgt wird. Das umgangssprachliche „Raucherbein“ sagt bestimmt einigen etwas, denn übermäßiger Nikotingebrauch ist eine sehr häufige Ursache dafür.

SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 171
:Zu viel Schokolade ergibt Diabetes?

Die Patientin von Pola Gülberg kann nichts mehr sehen – so hoch ist ihr Blutzuckerwert mittlerweile. Hätte sie eine gesündere Lebensweise gehabt, wäre sie vermutlich nicht blind geworden. Doch ist eine schlechte Ernährung immer schuld an Diabetes?

Protokoll: Johanna Feckl

Bei meinem Patienten war es nicht das Rauchen, sondern der Diabetes. Wer nicht krankheitseinsichtig, für den ist ein solches Schicksal eigentlich unausweichlich.

Wer trotz Diabetes vom Typ II weiterhin viel zuckerhaltige Nahrung und Getränke zu sich nimmt, bei dem treten typischerweise zuerst an Fingern und Zehen Nervenschäden und Wundheilungsstörungen auf. Dann reicht beim Nägelschneiden ein klitzekleiner Schnitt in die Haut oder eine Mini-Wunde, weil man sich die Zehe gestoßen hat, oder auch eine Blase am Fuß: Bald darauf verfärbt sich die Stelle dunkelblau und stirbt ab. Durch den fortgeschrittenen Diabetes kann der Körper solche Blessuren nur schwer heilen.

Dass der Diabetes bei meinem Patienten so ausgeprägt war, lag größtenteils an ihm selbst. So wollte er, als wir zumindest seine Sepsis endlich im Griff hatten, unbedingt Cola trinken. Wir boten ihm eine zuckerfreie Variante an. Doch die lehnte er vehement ab und bestand weiterhin auf eine herkömmliche Cola.

Intensivfachpflegerin Pola Gülberg von der Ebersberger Kreisklinik.
Intensivfachpflegerin Pola Gülberg von der Ebersberger Kreisklinik. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wochenlang haben wir versucht, das einzige Bein, das der Mann noch hatte, zu retten. Natürlich wird generell nie leichtfertig über eine Amputation entschieden. Aber wenn der Großteil von einem Bein bereits abgenommen ist, dann erst recht nicht. Unsere Ärzte sprachen eindringlich mit ihm, um ihm klarzumachen, wohin ihn sein Lebenswandel führt. Doch er erwiderte mit einer beispiellosen Gleichgültigkeit: „Wenn das andere Bein auch ab ist, dann werden’s mir im Heim schon entsprechend helfen.“ Ich war dabei, als er das gesagt hat. Mir stockte der Atem.

Letztlich musste sein Bein amputiert werden, wie beim anderen auch hier oberhalb des Knies. Dabei wäre es so einfach gewesen: Ein gesunder Lebenswandel und ein paar Vorsichtsmaßnahmen schützen sehr gut, zum Beispiel, dass man als Diabetiker regelmäßig seine Gliedmaßen auf Flecken und Wunden hin überprüft. Denn wer damit rechtzeitig zum Arzt geht, hat gute Heilungschancen.

Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 40-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit an der Kreisklinik in Ebersberg. Die gesammelten Texte sind online unter sz.de/aufstation zu finden.

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