SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 95:Leichtes Spiel für Covid als Nebendiagnose

SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 95: Zuletzt gab es in der Klinik von Pola Gülberg immer wieder Fälle, in denen Corona nur dank der Routine-Tests entdeckt worden ist.

Zuletzt gab es in der Klinik von Pola Gülberg immer wieder Fälle, in denen Corona nur dank der Routine-Tests entdeckt worden ist.

(Foto: Jochen Tack/imago images)

Seit dem 1. März gilt in den Krankenhäusern für das Personal keine Maskenpflicht mehr, auch die Routine-Testungen für Mitarbeiter und Patienten auf das Coronavirus sind weggefallen. Pola Gülberg bereitet das Sorgen.

Protokoll: Johanna Feckl, Ebersberg

Vor ein paar Tagen ist genau das eingetreten, was ich seit 1. März befürchtet habe: Eine Patientin kam zu uns. Obwohl sie keine Erkältungssymptome oder andere typische Anzeichen hatte, die auf eine Corona-Erkrankung hindeuteten, haben wir bei ihr einen Abstrich gemacht - sie war zuvor auf Reha, in solchen Fällen testen wir routinemäßig zum Beispiel auf das MSRA-Virus, da haben wir Corona gleich mit gemacht. Als die Testergebnisse kamen, haben wir nicht schlecht gestaunt: Die Frau war Corona-positiv.

Seit dem 1. März ist auf Anordnung der Gesundheitsministerien in Bayern und im Bund nicht nur die Maskenpflicht für das Krankenhauspersonal gefallen, auch gibt es keine Testpflicht mehr - weder für uns noch für Patienten. Zuvor wurden all unsere Patienten routinemäßig bei ihrer Aufnahme schnellgetestet, war das Ergebnis positiv, wurde ein PCR-Abstrich an unser externes Labor geschickt - da dauert es immer ein paar Tage, bis die Ergebnisse da sind. Jetzt können wir Patienten nur noch mit einem konkreten Verdacht auf Corona PCR-testen oder wenn sie aus einem Pflegeheim oder einer Reha kommen.

Schon bei meiner ersten März-Schicht haben mich Sorgen umgetrieben: Nicht nur lagen zu diesem Zeitpunkt bei uns auf der Intensiv drei Corona-Patienten, sondern zuletzt gab es in der Klinik auch immer wieder Fälle mit Corona als Nebendiagnose - das heißt, dass der Grund des Krankenhausaufenthalts beispielsweise ein gebrochenes Bein war, bei der Routinetestung dann noch eine Covid-Infektion festgestellt wurde. Wie soll das angesichts der neuen Regelung gutgehen können?

SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 95: Intensivfachpflegerin Pola Gülberg von der Ebersberger Kreisklinik.

Intensivfachpflegerin Pola Gülberg von der Ebersberger Kreisklinik.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Denn nun kann es sein, dass wir unentdeckt Corona-Patienten versorgen. Dementsprechend werden sie nicht isoliert und wir tragen keine Isolationsschutzausrüstung. Dadurch ist es gar nicht mal so unwahrscheinlich, dass eine stille Infektion an andere Patienten oder an das Personal weitergetragen wird. Davon abgesehen, dass ich mich nicht wohl dabei fühle, mich mit jedem Dienst diesem Risiko aussetzten zu müssen, womöglich Kollegen anstecke und wir in der Arbeit ausfallen - jede Klinik ist nach wie vor ein Ort, an dem sich besonders Vulnerable wiederfinden, für die eine Infektion tödlich ausgehen könnte: alte und kranke Menschen.

Es ist ja richtig, dass man die Regelungen an das Infektionsgeschehen anpasst. Ich finde es auch schön, dass ich auf den Gängen wieder ein paar Gesichter sehe - einige von uns sind dazu übergegangen, nurmehr im direkten Patientenkontakt eine Maske zu tragen. Aber ich verstehe nicht, warum mit einem Schlag alles aufgehoben wird - mitten in der Erkältungszeit. Die Politik ist gut darin, uns Klinikpersonal zu loben und davon zu reden, uns schützen zu wollen. Doch mit der neuen Regelung tun sie das Gegenteil.

Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 38-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit an der Kreisklinik in Ebersberg. Die gesammelten Texte sind unter sueddeutsche.de/thema/Auf Station zu finden.

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