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SZ-Kolumne: Auf Station, Folge 2:"Ja, Familie, Familie"

Auf Eltern mit Frühchen kommen manchmal Belastungen seelischer und finanzieller Art zu, wenn die Kinder spezielle Behandlungen brauchen.

(Foto: Haas)

Unsere Kolumnistin hatte einen Corona-Patienten mehr als 60 Tage auf der Intensivstation. Er war bereits nicht mehr ansprechbar - doch dann passierte Wunderbares.

Protokoll von Johanna Feckl

Vor einer Weile haben wir Pflegekräfte auf der Intensivstation eine Tabelle angefertigt. Auf der einen Seite standen deutsche Sätze, auf der anderen Seite die entsprechenden Aussagen in einer Sprache mit kyrillischen Buchstaben. Haben Sie Schmerzen? Ist Ihnen kalt oder warm? Bekommen Sie ausreichend Luft? Die Tabelle benutzten wir, um mit einem Fernfahrer aus dem Balkan zu kommunizieren, der bei uns gestrandet war. Corona-positiv. Er konnte kaum Deutsch sprechen.

Mehr als 60 Tage war der Mann Patient bei uns. Das ist selbst für einen Corona-Patienten eine extrem lange Zeit - die meisten liegen zwischen zwei und sechs Wochen bei uns, auch das ist schon ziemlich lang. In dem Fall des Mannes war aber nicht nur die Verweildauer extrem, sondern auch alles andere: Nach wenigen Tagen mussten wir intubieren, viele viele Male haben wir ihn auf den Bauch gelegt, damit er besser atmen kann, bald kamen Nieren- und Leberversagen hinzu. Durch die starken Medikamente war er oft nicht mehr ansprechbar. Da konnte uns dann auch unsere Tabelle nicht mehr weiterhelfen.

Wir haben ihn mehrfach auf der Schippe gesehen und uns gefragt, ob die Behandlung - die wirklich alles andere als ein Zuckerschlecken ist - denn je anschlagen wird. Und dann die Vorstellung, in einem fremden Land zu sein, schwer krank und völlig alleine, irgendwann in einem Krankenhauszimmer aufzuwachen, um dich herum stehen lauter Gestalten mit Kitteln, Masken und Hauben, die versuchen, dir etwas zu vermitteln - aber du verstehst erst einmal überhaupt nichts! Es war schlimm.

Intensivpflege Fachkraft Kreisklinik Ebersberg

Julia Rettenberger ist Intensivfachpflegerin an der Ebersberger Kreisklinik.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Ein Dienst ist mir in besonderer Erinnerung geblieben. Ich hatte Nachtschicht und bei einem meiner Routinegänge habe ich den Mann neu gebettet, er war wach. Mir ist ein Foto aufgefallen, das an der Wand gegenüber von seinem Bett hing. "Ist das Ihre Familie?", fragte ich. "Ja, Familie, Familie", antwortete er und deutete auf das Foto. Immer wieder sagte er "Familie".

Zu dem Zeitpunkt waren seine Frau und sein Kind zusammen mit einem Dolmetscher bereits angereist, sie haben ihm das Foto mitgebracht. Manchmal durften sie den Mann in Schutzausrüstung eingemummelt in seiner Kabine besuchen, oft konnten sie ihn aber auch nur durch die Glasscheibe sehen oder standen unten im Garten, haben mit ihm telefoniert und hinauf zu seinem Fenster gewunken.

In dieser Nacht habe ich mich dann zu dem Mann gesetzt, ihn in den Arm genommen und ihm über den Kopf gestreichelt. Genau das hat er gebraucht: Nähe. Ich habe gespürt, wie er sich richtig fallen lassen konnte in meiner Umarmung. Auch das ist Teil meiner Arbeit.

Der Mann erholte sich. Irgendwann war er so stabil, dass er mit einem 14-stündigen Transport in seine Heimat zurück gebracht werden konnte, wo ihn eine Reha erwartete. Als ich ihm das Datum auf dem Kalender gezeigt habe, hat er sich so unglaublich gefreut und war glücklich darüber, nun endlich heim zu dürfen. Auch für mich war das ein sehr glücklicher Moment. Deshalb erinnere ich mich an die Geschichte des Mannes als schönes Erlebnis - all ihren schlimmen Aspekten zum Trotz. Alles besitzt zwei Seiten, so auch mein Beruf - genau wie die Sprachtabelle, mit deren Hilfe wir kommuniziert haben.

Julia Rettenberger ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 27-Jährige jeden Montag von ihrer Arbeit an der Ebersberger Kreisklinik.

© SZ vom 17.05.2021/koei
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