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Lesenswertes Romandebüt:Schreiben ist wie fliegen können

Peter Lang alias Peter Horper VHS Vaterstetten Krimiautor

Peter Lang alias Horper ist ein veritabler Psychothriller gelungen, der das Geschehen aus zwei unterschiedlichen Perspektiven schildert.

(Foto: Privat)

Peter Lang, bislang Fachbereichsleiter an der VHS Vaterstetten, über sein neues Dasein als Krimiautor Peter Horper

Wenn der Renteneintritt naht, dann wird der Partner oder die Partnerin oft unruhig: Was tun, wenn sich die Person, die bisher zuverlässig jeden Morgen die heimischen vier Wände verlassen hat, dort fürchterlich langweilt oder Schlimmeres? Man denke nur an "Pappa ante Portas"... Zum Glück gibt es Fälle, in denen so etwas nicht einmal ansatzweise zu befürchten ist - zu diesen gehört Peter Lang, noch bis Ende März Fachbereichsleiter für Fremdsprachen, Tanz und Literatur an der VHS Vaterstetten. Wenn der 63-Jährige sich ab April nämlich in die passive Phase der Altersteilzeit verabschiedet, gibt es neben dem geplanten "geografischen" Reisen, etwa nach Südamerika oder Kanada, sowie dem verstärkten Betreiben seiner Hobbys Sport und Bergwandern, auf jeden Fall noch eine weitere Tätigkeit, der Lang sich mehr als bisher zuwenden wird: dem Schreiben.

Dass das alles andere als Neuland für den studierten Romanisten ist, beweisen nicht nur 20 bis 30 in den vergangenen Jahren entstandene Kurzgeschichten, sondern vor allem sein Romandebüt "Blutsbande", das nun im März beim Hirschkäfer-Verlag erscheint. Die Erklärung, warum das Cover als Autor einen "Peter Horper" ausweist, ist simpel: "Seit meiner Eheschließung trage ich den Doppelnamen Lang-Horper, den ich allerdings noch nie geführt habe. Bis jetzt. Nun kann ich ihn gut brauchen. Versuchen Sie mal, etwas unter ,Lang' zu suchen - da gibt es allein im Münchner Telefonbuch 16 Seiten. Da ist ,Horper' schöner und seltener." Und klingt außerdem noch mehr nach dem Verfasser eines veritablen Psychothrillers. Um einen solchen handelt es sich nämlich, was sich bei der atemlosen Lektüre der knapp 250 Seiten herausstellt.

Dabei beginnt die in München spielende Geschichte fast gemütlich (abgesehen natürlich vom unheilvollen Prolog): Ludwig Fendt ist Neuling in gleich zwei Bereichen - dem Taxifahren und der Arbeit als Detektiv. Ohne die erste zu vernachlässigen - was der Leserschaft ungeahnte Einblicke ins Leben eines Taxlers verschafft - macht sich der Mittfünfziger im Rahmen seiner zweiten Tätigkeit auf die Suche nach der verschwundenen Mutter einer Abiturientin. Dabei stößt er nicht nur auf zutiefst toxische Familienstrukturen, sondern kommt auch in Berührung mit einem ultrarechten Unternehmer, der ein perfides Geschäft mit den Ängsten betagter Bürger macht. Erzählt wird die Geschichte aus zwei Perspektiven: Neben dem Ich-Erzähler nimmt man hautnah Anteil am Schicksal des in einem Keller gefangenen Opfers.

Ohne sich in Effekthascherei zu ergehen, mutet der Autor seinen Lesern dabei vor allem auf psychologischer Ebene einiges zu - und zwar ganz bewusst. "Mich fasziniert, was sich der Kontrolle entzieht. Das ist viel interessanter, weil es mehr Ecken und Kanten hat", erklärt Lang mit Blick auf die geschilderten seelischen Abgründe. "Wichtig ist, dass man Dinge in sich befreit und das zulässt, was denkbar ist." Um dabei selbst keinen Schaden zu nehmen, könne man ja jederzeit aufhören.

Die Erzählung aus Sicht zweier so gegensätzlicher Personen war auf jeden Fall eine Herausforderung. Es galt, unterschiedliche Stile zu finden und sich "in den zwei Strängen nicht zu verholpern". Herausgekommen ist eine distanzierte, selbstironische, eher leichte Sprache für den Detektiv mit seinen eigenen, privaten Konflikten im Umgang mit der geschiedenen Ex. Die einerseits zutiefst verängstigte, entführte Frau, die doch immer wieder all ihre Reserven mobilisiert und sich trotz allem nicht aufgibt, stattet der Autor hingegen aus mit einer Kombination aus inneren Dialogen und der reinen Schilderung dessen, was passiert. "Im Keller hat Leichtigkeit nichts verloren." Beratung für die Ausgestaltung der Szenen erhielt Lang auch von einer ganz wichtigen Testleserin, seiner Tochter, ihres Zeichens Psychologin, Therapeutin und Krimifan. "Die sagte dann schon mal: Dort kann noch eine Schippe drauf, und da wird's zu viel."

Für die Schilderung des Taxifahrer-Milieus hingegen konnte der Münchner auf ureigene Erfahrungen zurückgreifen: "Mein ganzes Studium habe ich mir damit finanziert." Am liebsten seien ihm dabei morgens um halb sechs, bei seiner letzten Fahrt, die Bordelldamen gewesen. "Müde, freundlich, nicht überheblich, oft großzügig, waren sie froh, wenn man sie in Ruhe ließ." Genau diese Atmosphäre findet sich auch in Langs Buch wieder, das er - noch eine Analogie zur Arbeit als Lohnkutscher - hauptsächlich nachts verfasst hat. Die Faszination des Schreibens drückt der Bald-Ruheständler so aus: Einerseits sei es wie reisen - nur eben an Orte und zu Personenkreisen, die er selbst geschaffen habe. Gleichzeitig "ist es wie fliegen können" - indem er aus sich selbst herausgehe, dorthin, wo die Geschichte ihn hinführe.

Offenbar ist es dem Dozenten gelungen, seine eigene Begeisterung auch in der Ausschreibung des VHS-Literatur-Wettbewerbs für den Nachwuchs zu vermitteln, der dieses Jahr zum zweiten Mal stattfindet. Stolze 56 Einsendungen von Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren hat Lang gezählt. Dem Nachwuchs wünscht er, sich vom Korsett, wie es in der Schule vorgegeben werde, befreien zu können, sich zu trauen, alles zu schreiben und eine eigene Sprache zu finden. Ihm selbst ist das gelungen - mit seinen Kurzgeschichten, die er auf keinen Fall aufgeben will ("Das ist lustvoller und man ist schneller fertig"). Und natürlich mit dem Roman "Blutsbande".

Ach ja: Als man über mögliche Pensionärs-Aktivitäten spricht, meint Lang mit einem Augenzwinkern: "Ich habe schon drei Enkel! Und eine Frau, die mit mir Zeit verbringen und mich nicht nur hinter dem Schreibtisch sehen will." Womit klar wäre, dass Peter Lang im Gegensatz zu Loriots unvergessenem Heinrich Lohse seiner Familie sicher nicht auf die Nerven gehen wird.

© SZ vom 18.03.2020
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