Jahreswechsel im Landkreis:Es rauhnachtet sehr

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Jahreswechsel im Landkreis: Diese Frau kennt sich aus mit dem Räuchern: Marlene Englhart-Schweige in ihrer Grafinger "Kräuterhütt'n".

Diese Frau kennt sich aus mit dem Räuchern: Marlene Englhart-Schweige in ihrer Grafinger "Kräuterhütt'n".

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Eine Kräuterhexe, zwei Frauenbegleiterinnen, der Perchten-Chef und ein Stadtführer beleuchten die mystisch-magische Zeit der Einkehr und des gelebten Brauchtums und erklären, wie man gut ins neue Jahr kommt.

Von Michaela Pelz, Ebersberg

Was für ein überwältigendes Erlebnis für alle Sinne! Gleich beim Betreten der Grafinger "Kräuter-Hütt'n" wird deutlich: Hier ist garantiert richtig, wer sich übers "richtig Räuchern zur Rauhnacht" informieren will. Das passende Zubehör erstreckt sich über eine komplette Wand des kleinen urigen Ladens am Urtelbach. Für die Besitzerin Marlene Englhart-Schweiger - "nennt's mich ruhig Kräuterhexe, das tun alle" - gehört dieses Ritual seit ihrer Kindheit zu der Zeit rund um Weihnachten: "Schon meine Großmutter ging auf unserem Bauernhof mit einem aus einer Sauerkrautdose gebastelten Rauchfaßl durchs Haus. ,Wenn das am 24. nicht ausgeweiht ist, kommt das Christkind nicht', sagte sie."

Englhart-Schweiger selbst wiederum nutzt Kohle und Pfännchen. Was damit zu tun ist, beschreibt sie so: "Man geht beim ersten Durchgang mit einer reinigenden Mischung durch die Räume. Türen und Fenster müssen dabei unbedingt verschlossen sein, um die negativen Energien zu bündeln. Die werden beim zweiten Durchgang - ohne Rauch - durch das Wedeln mit Federn nach außen abgegeben. Bitte gleichzeitig lüften! Beim dritten Durchgang kommt dann die Segensmischung."

Warum der Begriff "Hexe" für Englhart-Schweiger keine negative Konnotation hat? "Wenn, dann bin ich eine weiße, keine schwarze. Das ist was Positives - früher waren das Heilerinnen, Priesterinnen, Seelenführerinnen." Vielleicht steckt ein wenig davon in ihrer Überzeugung, dass sich "zwischen dem 21. Dezember und dem 6. Januar die Schleier in die Anderswelt lichten und der Kontakt zu unserer Quelle am intensivsten ist". Darum sei gerade dann die richtige Zeit, um "das alte Jahr zu heilen, im Hier und Jetzt zu leben und das neue Jahr zu orakeln". Durch diese Rituale könne man die geistige Welt, jene höheren Mächte, "denen wir alle unterstehen", um Mithilfe bitten.

Jahreswechsel im Landkreis: Beim "Neunerlei Holz" wird jedem ein bestimmtes Lebensthema zugeordnet.

Beim "Neunerlei Holz" wird jedem ein bestimmtes Lebensthema zugeordnet.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Dazu gehört auch eine der Aktionen in freier Natur, die die Grafinger Kräuterhexe zusätzlich zu den ständig ausgebuchten Kursen im kleinen Seminarraum hinter der Verkaufsfläche veranstaltet. Zur Wintersonnwende werden dabei die Elemente geehrt, außerdem wird auf einem großen Platz ein Feuer aus "Neunerlei Holz" entzündet. Jeder wählt dazu vorher im Dunkeln intuitiv ein Stück aus einem großen Holzhaufen - die Erklärung, welches Lebensthema es symbolisiert, wird nachgeliefert. Eiche ist ein Sinnbild für Stärke, Buche vermittelt Struktur, die Hasel wird der Fruchtbarkeit, Sexualität und Lebensfreude zugeordnet, während Holunder für das innere Kind steht und für die Liebe. Hat man sich dafür entschieden, geht es ums "Loslassen".

Das Loslassen wiederum ist, verbunden mit der Reflektion über die Ereignisse des zu Ende gehenden Jahres, auch das erste Element der "Rauhnachtsbegleitung" von Martina Schmehl und Margareta Kloppenburg. Die beiden Spezialistinnen in der spirituellen und physischen Betreuung von Frauen haben im Juni in der Jurte auf der Ebersberger Alm schon ein spezielles Sommersonnwendfest durchgeführt. Das winterliche Pendant ist ein Kurs für maximal 25 Frauen, der mit einer Einstimmung am 20. Dezember beginnt und sich bis zu einem Ausklangtreffen am 3. Februar hin erstreckt.

Jahreswechsel im Landkreis: Martina Schmehl nutzt die weiße Rahmentrommel etwa für das Erreichen einer Trance bei schamanischen Kraftreisen; die "Schwarze sibirische Stute" von Margareta Kloppenborg kommt am Feuer zum Einsatz, wenn man sich erden will.

Martina Schmehl nutzt die weiße Rahmentrommel etwa für das Erreichen einer Trance bei schamanischen Kraftreisen; die "Schwarze sibirische Stute" von Margareta Kloppenborg kommt am Feuer zum Einsatz, wenn man sich erden will.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Durch das spirituelle "Loslassen" könne man besser abschließen mit manchen Themen und Platz machen, um sich zu öffnen und neu auszurichten, erklären die beiden. Quasi die Weichen zu stellen für das neue Jahr. All das funktioniere besser im Kreis anderer Frauen - selbst wenn man an einer Situation nichts ändern könne, sondern sie einfach annehmen müsse. Weil in der Gemeinschaft deutlich werde, dass man trotz aller Individualität nicht allein sei mit Problemen und Leid. Beim Auftakt wird geräuchert, außerdem gestalten die die Frauen Kerzen, die ihnen auch nach den Rauhnächten zur Erinnerung an die damit verbundenen Gedanken und Emotionen dienen sollen.

Doch wann beginnen sie dann nun, diese besonderen Rauhnächte? Da sind sich auch die Experten nicht ganz einig. Unstrittig ist nur ihre Gesamtzahl: zwölf.

Jahreswechsel im Landkreis: Wenn die Perchten kommen, sind die gruselfreudigen Schaulustigen nicht weit - hier am Gasthaus Stangl in Neufarn.

Wenn die Perchten kommen, sind die gruselfreudigen Schaulustigen nicht weit - hier am Gasthaus Stangl in Neufarn.

(Foto: Christian Endt)

Wolfgang Übelacker, der mit Maske, rotem Ledergewand und Teufelsgeige (ein langer Stab mit zwei Becken dran) die Kirchseeoner Perchten anführt, sagt dazu: "Die letzten sechs sind klar - dabei gilt als wichtigste die "Perchtnacht", also Epiphania, vom fünften auf den sechsten Januar. Und es müssen sechs im alten Jahr sein."

So ergibt sich die Situation, dass für manche die Thomasnacht, also die Wintersonnenwende am 21. Dezember, zu den Rauhnächten zählt, für andere aber nicht. "Bei Germanen und Kelten war das Jahr in zwölf Mondzyklen eingeteilt - das ergibt 354 Tage. Also fehlen elf Tage und zwölf Nächte. Die hat man als Rauhnächte eingeschoben. Wenn man am 21. beginnt, lässt man die Feiertage weg, dann kommt man wieder auf die mystische Zahl zwölf", weiß Robert Bauer, der sich als Ebersberger Stadtführer auf die Rauhnächte spezialisiert hat. Das eingangs erwähnte Räuchern kennt er von den eigenen Großeltern. "Um es selbst zu tun, bin ich zu sehr Realist. Aber für den, der es ernst nimmt, kann es wichtig sein, um sich düsterer Stimmungen zu entledigen."

Jahreswechsel im Landkreis: In der Grafinger Kräuter-Hütt'n ist nichts von der Stange, sondern alles selbst gesammelt.

In der Grafinger Kräuter-Hütt'n ist nichts von der Stange, sondern alles selbst gesammelt.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Für ihre persönliche Rauhnachtsmischung hat Marlene Englhart-Schweiger die Zutaten im In- und Ausland selbst gesammelt - "jeder Urlaub ist praktisch eine Dienstreise". Unbedingt enthalten sein müssen "das göttliche Element (wie Weihrauch), Kräuter für die Ahnen (wie Wacholder) und eine Schutzpflanze (etwa Englwurz) als Mantel für die dunkle Zeit". Dieses Angebot, wie auch die Tinkturen, Salben und Tropfen, schätze die Kundschaft sehr. Teilweise komme sie dafür gezielt von weit außerhalb nach Grafing. Die Nachfrage sei definitiv gestiegen, auch habe sich das Publikum verjüngt, sagt die Kräuterhexe, und gibt gleich noch drei Tipps zum Räuchern. "Ganz wichtig: Rauchmelder aus, wenn man mit Kohle durchs Haus geht. Bereit sein, sich auf das Ritual einzulassen, es nicht nur deswegen machen, weil alle es tun. Nicht gleich loslaufen, sondern zum Einstieg eine Kerze anzünden, ein kleines Gebet sprechen oder eine Meditation abhalten."

Geführte Meditationen oder Phantasiereisen, Mantren, außerdem spezielle Yogaeinheiten sind auch im täglichen Video-Impuls der "Rauhnachtsbegleitung" enthalten, ganz wichtig seien aber der "Schamanische Naturgang" und vor allem die praktischen Aktionen, so die beiden Anbieterinnen.

Jahreswechsel im Landkreis: Die Fülleschale wird mit geschlossenen Augen aus Ton geformt, dann glasiert und gebrannt. Übers Jahr kann sie Schokolade oder kleine Wunschzettel enthalten und so an das Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen erinnern.

Die Fülleschale wird mit geschlossenen Augen aus Ton geformt, dann glasiert und gebrannt. Übers Jahr kann sie Schokolade oder kleine Wunschzettel enthalten und so an das Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen erinnern.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Gerade wenn es um die Zukunft im neuen Jahr geht, seien die Gestaltung eines "Visionsboards", also einer Collage mit Wünschen, sowie das Töpfern einer Fülleschale mit geschlossenen Augen mehr als nur ein Ventil für die Kreativität der Teilnehmerinnen: Indem man sich nur aufs Tun konzentriere, nicht auf die (vermeintliche) Schönheit des Endprodukts, werde einem der eigene Herzenswunsch viel klarer, so Schmehl und Kloppenborg. Am Ende ließe sich so ein Kernsatz dessen herausdestillieren, was einem besonders wichtig ist. Ein großes Anliegen ist beiden auch, Leichtigkeit in eine Zeit hineinzubringen, die früher sehr angstbehaftet war.

Was alle Gesprächspartnern auf Anhieb nennen, ist etwa die düstere Möglichkeit, dass sich die "Wilde Jagd" in zum Trocknen aufgehängten Kleidungsstücken verfangen könnte, dann nämlich würden sie zum Leichentuch. Darum ist das Waschen während der Rauhnächte tabu. Da die Menschen aber heute über mehr als nur jeweils ein Werktags- und Sonntagsgewand verfügen, wie Stadtführer Bauer lachend erklärt, könne, wer daran glaube, tatsächlich auf das Anschalten der Waschmaschine verzichten. Wobei mit "Tod" laut der Kräuterhexe auch das Ende einer Liebesbeziehung oder der Verlust der Arbeitsstelle gemeint sein könnte.

Jahreswechsel im Landkreis: Stadtführer Robert Bauer ist nicht nur Experte für Rauhnachtsgeschichten, sondern auch für die Ebersberger Pfarrkirche.

Stadtführer Robert Bauer ist nicht nur Experte für Rauhnachtsgeschichten, sondern auch für die Ebersberger Pfarrkirche.

(Foto: Christian Endt)

Bauer sagt, dass manche Mythen auch zur Erklärung von Naturphänomenen dienten. Die Wilde Jagd etwa war eine Begründung für die Winterstürme - und sollte mit den Knallern an Silvester verscheucht werden. Andererseits ging es wohl auch darum, eine Legitimation zu haben, sich einmal Ruhe von den alltäglichen Aufgaben zu gönnen. Warum sich heute Menschen wieder vermehrt diesen alten Bräuchen zuwenden, erklärt er so: "Immer, wenn es schwer wird - bei Krankheiten, Krieg oder Pest - flüchten sich die Menschen in die Mystik, um etwas Positives zu finden. Aber: Wenn auch nur ein Teil auf diesem Weg Depressionen vermeidet, dann ist schon viel geholfen."

Nochmal zurück zur Wilden Jagd - angeblich war sie auch Auslöser für die teilweise furchteinflößenden Perchtenkostüme. "Um nicht erkannt zu werden, hat man sich selbst möglichst grauslig maskiert," erklärt Wolfgang Übelacker. Wobei die Perchten eigentlich ja Segen in die Häuser gebracht hätten. "Im Gegenzug gab es für die Burschen etwas zu essen und Gelegenheit, das eine oder andere Madl kennenzulernen." Freudig empfangen werden die "Passen", also die verschiedenen Gruppen, aus denen der Perchtenzug besteht, heute noch. "Man spürt den Wunsch, zu den Ursprüngen dieser Zeit zurückzukehren. Weg vom Kaufen, Kaufen, Kaufen. Die Leute wollen was Echtes."

Handfest gelebtes Brauchtum also hier, vorchristliche Rituale in modernem Gewand dort. Doch egal, ob man spirituell veranlagt ist oder nicht: Das alte Jahr "heilt" man übrigens auch durch die Bezahlung offener Rechnungen und die Rückgabe ausgeliehener Dinge.

Information und Anmeldung: Rauhnachtsbegleitung www.im-kreis-der-frauen.de oder www.frauen-heilkunde.info, www.marlene-kraeuterhuettn.de, Rauhnachtführungen in Ebersberg www.ebersberger-krippenweg.de/fuehrungen und www.perchten-kirchseeon.de.

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