Parteien im Kreis Ebersberg Wenn ein CSUler mit 56 zu den Grünen wechselt

Es gab ein Bayern, auf das konnte man sich jahrzehntelang verlassen. Die CSU hatte es ihrer eigenen Meinung nach erfunden und auch jetzt im Wahlkampf, wie hier in Ebersberg, noch mal tapfer beschworen.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Der bayernweite Boom der Grünen zeigt sich auch im Landkreis Ebersberg. Der dortige Kreisverband verzeichnet enorme Zuwächse.

Von Viktoria Spinrad, Ebersberg

Eigentlich hatte Günter Mader sein Kreuzchen lange ruhigen Gewissens bei den Christsozialen gemacht. Doch dann beobachtete der Vaterstettener, wie der CSU-Landwirtschaftsminister "ja" zum umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat sagte. Ihm missfiel, wie die Partei eine Grenzpolizei forcierte, "die nur kostet und nichts bringt." Er beobachtete, wie der Parteichef mit 69 abgeschobenen Flüchtlingen kokettierte, die Koalition riskierte, "so ein G'schiss". Es reichte ihm. Heute hält Mader sein erstes Parteibuch in der Hand, mit 56 Jahren: Mader ist jetzt Grüner.

Der Vaterstettener ist einer von 34 Neuzugängen, über die sich die Kreis-Grünen heuer freuen. Damit ist der Ebersberger Kreisverband in einem Jahr um ein Fünftel angewachsen. "Das war noch nie da", bemerkt Margrit Pricha vom Kreisverband. Wachstum gibt es aber auch bei den Strukturen: In Pliening und Steinhöring sollen bald neue Ortsverbände ins Leben gerufen werden; aus zehn würden dann zwölf Verbände.

Bei der Landtagswahl waren die Grünen erstmals zweitstärkste Kraft hinter der CSU geworden - bayernweit und auch im Landkreis. Der Ebersberger Direktkandidat Thomas von Sarnowski sprach am Wahlabend von einer "Zeitenwende". Im München zählte das Stadtbüro der Grünen bereits im Vorlauf 40 neue Mitglieder - im Monat. Ein Zuwachs, von dem die relativ kleinen Ortsverbände im Landkreis zwar nur träumen können - aber auch hier spüren die Grünen eine Veränderung.

Zum Beispiel in Grafing, der Grünen-Hochburg im Landkreis. 27 Prozent haben die Partei hier gewählt. "Eine echte Ansage", findet Wolfgang Huber vom Ortsverband. Das zeige doch, dass man keine "gspinnerte Randgruppe", sondern mitten in der Gesellschaft angekommen sei. In Grafing freut man sich über fünf neue Mitglieder, genauso viele Neue gibt es bei Vaterstettens Grünen, "und es sind auch noch weitere in Aussicht", sagt Günther Glier vom Ortsverband. Beim Straßenwahlkampf machten er und Neuzugang Mader heuer eine ganz neue Erfahrung: Die Bürger, die sie von den Grünen überzeugen wollten, waren schon längst überzeugt. "Manchmal hab ich mich gefragt: Weswegen steh ich hier überhaupt?", sagt Mader.

Die steigenden Mitgliederzahlen sind eine Herausforderung für die Ortsverände

Dass die Menschen im ländlichen Raum zunehmend empfänglich für die Botschaften der Grünen werden, zeigt sich etwa im Ortsverband von Aßling, Emmering und Frauenneuharting. Aus zwölf sind 17 Mitglieder geworden, zudem gibt es etwa zehn Interessenten. "Das ist wirklich gut", sagt Vorsitzende Ursula von Berg. Den kleinen Boom sieht sie auch im Engagement des Verbands im Ort begründet: Wildblumen-Streifen, Meridian-Veranstaltungen, Bienenzüchter-Besuche - "die Menschen merken, dass wir im Ort eine Menge tun."

Der Zulauf stellt die Verbände nun vor die Herausforderung, den Schwung in die Europa- und Kommunalwahlen Anfang 2019 und 2020 mitzunehmen. Wie überzeugt man Neumitglieder, Zeit zu investieren, sich auf Listen aufstellen zu lassen? Margrit Pricha vom Kreisverband möchte damit werben, dass man "in der Kommunalpolitik wirklich etwas bewegen kann." Und mit Solidarität: "Wir lassen unsere Mitglieder nicht alleine."

Was das konkret heißt, erläutert von Sarnowski: Auf Mitgliederförderungstagen im Bezirk könne jeder für sich herausfinden, wie er oder sie sich engagieren kann. "Da investieren wir richtig", sagt er. Das Rezept der Grünen: Jungen Leute Verantwortung übertragen, ihnen aber auch eine gewisse Mobilität einräumen. Dass die nicht bei allen gut ankommt, bekam der Zornedinger Grünen-Gemeinderat Moritz Dietz vor vier Jahren zu spüren. Der damals 19-Jährige verpasste wegen einer Australien-Reise vier Sitzungen und erntete dafür Kritik im Netz. Andere hielten dagegen, dass manche Gemeinderäte regelmäßig fehlten. Von Sarnowski betont: "Bei uns muss keiner zehn Jahre am Infostand stehen, um Verantwortung zu übernehmen."

Wenn der Rückenwind der Grünen bis zu den Kommunalwahlen 2020 anhält, dürfte das auch die Mehrheiten in den Gemeinderäten und damit die Politik im Landkreis verändern. Was man mit mehr Macht vor Ort vorantreiben würde, da sind sich die Kreis-Grünen einig: Energiewende, Windräder, sozialer Wohnungsbau, ÖPNV- und Radwege-Ausbau.

Die zur Zeit einzige Grünen-Bürgermeisterin im Landkreis sieht in der "Zeitenwende" einen Vorteil für alle: Wenn sich die Fraktionen in den Gremien angleichen, "dann belebt das auch den Ort", sagt Angelika Obermayr, seit 2014 Chefin im Grafinger Rathaus. Als sie 1987 Grüne wurde, "da war man noch im Öko- und Müslieck." Mit Vorurteilen sah sich auch die stellvertretende Landrätin Waltraud Gruber im Kreistag konfrontiert: "Damals hat man uns erst einmal kritisch beäugt."

Mittlerweile beobachten sie, wie das Thema Naturschutz in der Breite ankommt. Bei Menschen wie Günter Mader. Der findet Grünen-Credos wie fixe Quoten oder Veggie-Day "eigentlich ein bisschen lächerlich." Er sei auch niemand, der nur mit dem Fahrrad fährt. Er finde aber, dass sich die Politik nicht von der Industrie treiben lassen dürfe. Als zukünftiger Lokalpolitiker sieht er sich trotzdem nicht, lieber will er die Arbeit an der Basis unterstützen: Plakate kleben, Flyer verteilen. Sein Ziel: Bayern bewahren, "damit auch die Generationen nach mir hier noch leben können."