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Zwei Köche in der Schnelltestbude:"Es kann jeder kommen"

Salvatore Melissano (links) und Gerhard Schwimmer in ihrer Schnelltestbude am Parkplatz des Segmüller in Parsdorf.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Das Parsdorfer Möbelhaus Segmüller hat seine international besetzte Restaurant-Belegschaft zu einer Corona-Crew umgeschult. Zu Besuch bei Gerhard Schwimmer und Salvatore Melissano.

Von Korbinian Eisenberger, Vaterstetten

Zu gewöhnlicheren Mittagszeiten würde Salvatore Melissano nun in der Küche des Möbelhauses stehen und einen Teller Pasta con Verdure anrichten. "Oder einen Schweinsbraten mit Knödel und Kraut", erzählt der 53-Jährige. Und Kruste. "Den Schweinsbraten machen wir jeden Tag frisch", sagt der Mann, der neben ihm steht und oberhalb der Nase vom Dachbalken verdeckt ist. Gerhard Schwimmer aus der Nähe von Hohenlinden ist einen Kopf größer und 26 Jahre jünger als sein Grafinger Kollege Melissano. Die beiden eint ihr Beruf: Als Köche des Segmüller-Panorama-Restaurants sind sie seit November ohne Arbeit. Nun stehen sie wieder beisammen. Ohne Chefhaube - dafür mit Masken und beschlagenen Schutzgläsern. Ihr neues Reich: eine Schnelltestbude.

Ein nasskalter Montag auf dem "Parkplatz 2" des Parsdorfer Möbelhauses Segmüller in Vaterstetten. Es ist der erste Öffnungstag des neuen Drive-in-Schnelltestzentrums. Mit bis zu 3000 Antigen-Tests täglich ist die Parsdorfer Anlage das zehnte und bislang größte private Schnelltestzentrum im Kreis Ebersberg. Die Tests sind für die Bürger kostenlos. Vom Beginn der Prozedur bis zu Erhalt des Ergebnisses sollen maximal 30 Minuten vergehen, so Segmüller-Geschäftsleiter Hans-Jürgen Froschauer. Je nach Wunsch erhalten die Getesteten ihr Ergebnis auf Papier oder per SMS. Um kurz nach zwölf biegen die nächsten Autos ins Freiluft-Testlabor ein.

Musie Demoz ist im neuen Testzentrum für die Anmeldung zuständig.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Eine Mischung aus Regen und Schnee prasselt auf die Holzbuden des Parkplatzes herab. Musie Demoz zieht den Reißverschluss seiner Winterjacke nach oben, unter der Kapuze und über der Schutzmaske schauen nur noch seine Augen raus. Wer ins Testzentrum fährt, landet zuerst bei dem Mann aus Haag im Kreis Mühldorf. Er reicht dann ein Klemmbrett samt Kuli mit dem einseitigen Formular zum Ausfüllen durchs Fahrerfenster. "Man kann es aber auch vorher ausdrucken und daheim ausfüllen", sagt er. Auch Demoz arbeitet normalerweise im Restaurant. "Mein Job ist die Spülmaschine", erzählt der 30-Jährige. Seine neue Aufgabe habe da erhebliche Vorteile: "Mir gefällt das, weil ich viel mehr mit Menschen zu tun habe."

Der Wind lässt die rot-weißen Absperrbänder flattern. Nur knapp null Grad sind es hier. Doch die Menschen, die zwischen den Buden umherwuseln, strahlen trotzdem Wärme aus. Für viele hier ist es der erste Arbeitstag seit fünf Monaten Zwangspause. Die 20 Männer und Frauen vom Parsdorfer Zentrum zählen geschlossen zur Belegschaft des Möbelhaus-Restaurants und befinden sich seit dem ersten Lockdown im März 2020 in Kurzarbeit, wie viele andere Gastronomen.

In Abstimmung mit dem Landratsamt kam dann die Anfrage der Geschäftsleitung an Restaurantleiter Alexander Schmid und seine international besetzte Crew. "Es haben alle zugesagt, mit Ausnahme von Leuten, für die das Risiko zu hoch ist", erklärt der 48-Jährige, der nun für die Personalverteilung zuständig ist. 80 Prozent seiner Restaurant-Mannschaft bildet nun die Parsdorfer Corona-Testcrew.

Das neue Schnelltestzentrum in Parsdorf am ersten Öffnungstag.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

In der Schnelltestbude von Gerhard Schwimmer und Salvatore Melissano wird es nun zum ersten Mal ernst. Um 12.45 Uhr führen die beiden ihren ersten Test aus. Ein Mann Anfang 50 lässt sich testen, um berufliche Termine wahrnehmen zu können. Der Proband spuckt in ein beschichtetes Pappschälchen. Melissano nimmt es entgegen, während sein Kollege die Kunststoffkassette aus einer Truhe hervorholt, wo die Schnelltest vor Gebrauch bei 25 Grad gelagert werden. Mithilfe eines Plastikröhrchens befördert er den Speichel auf die runde Öffnung für den Abstrich. Normalerweise würde Salvatore Melissano nun "Buon appetito", sagen. Nun heißt es: "Bitte 15 Minuten warten."

Der erste Test ist vollzogen. Noch läuft nicht jeder Handgriff so routiniert wie in der Küche. Die Abläufe sind jedoch einstudiert. Zwei jeweils dreistündige Schulungen haben die Mitarbeiter (die täglich getestet werden) durchlaufen. Umschulungen vom Gastronom zum Corona-Tester. Auch hier kommt es auf Freundlichkeit an, nur dass sie alle nicht in einem Lokal stehen, sondern größtenteils in Holzbuden, die auch als Würstelstand taugen würden.

Die Mitarbeiter am Montagmittag bei der Auswertung eines Spucktests.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Von der Bude geht es hinein in einen Pavillon, die Schaltzentrale des Zentrums. Hier stehen Simone Hahnl, normalerweise zuständig fürs Kuchenbüffet, und Serviceleiterin Doris Krebs. Die 50-Jährige teilt im Restaurant die Bedienungen ein, nun wird sie von ihrer 52 Jahre alten Kollegin in das PC-Programm des Testzentrums eingewiesen. Per Tastatur geben die beiden die Handynummern vom ausgefüllten Formular ein. Das sind jene Getesteten, die das Ergebnis aufs Handy haben möchte. Wegen so mancher Sauklaue hat das System eine Schwäche: "Wenn wir die Nummer nicht richtig lesen können, kann es sein, dass die Nachricht nicht ankommt."

Ein Kombi mit Ebersberger Kennzeichen kommt aufs Testgelände gefahren. Am Steuer sitzt ein weißhaariger Mann, der erklärt, dass er und seine Frau sich für eine Hochzeit in Österreich testen lassen müssen. Die Mitarbeiter sprechen mit ihm. Es wird klar, dass er für die Grenze einen noch zuverlässigeren Test braucht: Einen PCR-Test, dessen Ergebnis mit mehr als 99-prozentiger Sicherheit korrekt ist. Bei den Schnelltests im Parsdorfer Zentrum liege diese Quote bei "88 bis 92 Prozent", ist von dort zu erfahren. Der weißhaarige Mann im Auto erhält die nächstgelegene Adresse für einen PCR-Test: das Testzentrum in München-Riem.

Die Mitarbeiter werden selbst täglich getestet: Hier Doris Krebs, Simone Hahnl (Mitte) und Alexander Schmid.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Im Pavillon wird die Liste der Getesteten immer länger: Um 12.50 Uhr stehen gut drei Stunden nach der Eröffnung 20 Namen drauf. "Bisher alle negativ", erklärt Hahnl. Manche kommen aus dem Landkreis Ebersberg, nicht wenige aber auch von weiter her. München, Sauerlach, Erding, Halbergmoos. "Es kann jeder kommen", sagt Geschäftsleiter Froschauer. Abgerechnet werden die Kosten über die Kassenärztliche Vereinigung Bayern. Pro Schnelltest fallen um die drei Euro an, ist aus Parsdorf zu erfahren.

13.06 Uhr, noch immer weht ein eisiger Wind über den Parkplatz. Ein Schweinsbraten im Warmen käme jetzt gerade recht. Oder wenigstens eine Imbissbude. Doch Salvatore Melissano und Gerhard Schwimmer sind nicht zum Kochen gekommen. Genau wie der Mann, der sich gerade von den beiden Köchen hat testen lassen. 21 Minuten nach seiner Speichelprobe geht bei ihm die SMS ein. Ergebnis: Negativ.

© SZ vom 13.04.2021/koei
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