Unter der Schirmherrschaft der Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung richtet der Verband der Privaten Krankenversicherung seit 2017 alle zwei Jahre den Wettbewerb „Deutschlands beliebteste Pflegeprofis“ aus. Nominiert sind heuer auch Viviana Dasch und das Team der Palliativstation des Klinikums Ebersberg München Ost. Seit 2011 ist die quirlige, herzliche Jakobneuhartingerin als Palliative-Care-Fachkraft in jener Abteilung tätig, auf der nicht nur gestorben, sondern vor allem mit ganz viel Empathie das Leben zelebriert wird. Warum sie für ihren Beruf brennt, welchen Segen blaue und violettfarbene Decken haben und was sie sagen würde, wollten ihre Töchter ebenfalls in die Pflege, erzählt die 37-Jährige im Interview. Das Ergebnis des Wettbewerbs steht erst im Oktober fest.
SZ: Wann haben Sie zum letzten Mal auf Station gelacht?
Viviana Dasch: Gestern (lacht). Das fängt schon bei der Übergabe an, bei uns herrscht immer eine positive Grundstimmung. Humor ist ja nicht nur ein Ventil, sondern eine Ressource, um Extremsituationen auszuhalten. Auch für die Patienten. Letztlich sind es unsere zwei Eckpfeiler: Gerade hat man noch zusammen geweint, dann kommt etwas Lustiges. Wie überall im Leben, weil auf unserer Station das Leben passiert.
Was genau wird denn auf der Palliativstation gemacht?
Am allerliebsten würde ich jedem unsere 6A zeigen – bei Führungen oder einem Infoabend. Dann könnten die Menschen die Ruhe auf der Station spüren, die Einzelzimmer und unser Wohnzimmer mit dem Aquarium sehen, uns einfach kennenlernen. Und so vielleicht flächendeckend begreifen, dass „palliativ“ nicht gleichbedeutend ist mit Tod. Unser Ziel ist es, Lebensqualität wiederzugeben. Wir heilen keine Erkrankungen, unser Fokus liegt auf der Therapie von Symptomen wie etwa Übelkeit oder Schmerzen. Hier versuchen wir, medikamentös und nicht medikamentös Abhilfe zu schaffen.
Was heißt das in der Praxis?
Unser Personalschlüssel ist anders als in anderen Stationen. Dadurch ergibt sich eine wichtige Ressource: Zeit. So können wir ganzheitlich auf die Menschen blicken und patientenzentriert arbeiten. Es gibt psychologische Beratung, Physiotherapie oder Gesprächsangebote, etwa vom Hospizverein. Außerdem Aromapflege und Farbtherapie.
Das Licht- und Farbkonzept stammt von Ihnen. Wie sieht es aus?
Bei einer Weiterbildung hörte ich, dass man durch Farben die Schmerztoleranz steigern oder andere positive Effekte erzielen kann. Dann habe ich mir überlegt, wie sich das praktisch bei uns umsetzen ließe. Wir haben Aroma-Duftlampen mit Farbwechsel angeschafft. Und bunte Tagesdecken.
Damit es nicht mehr so nach Klinik aussieht?
(lacht) Das auch. Vor allem aber, um einen visuellen Mittelpunkt im Zimmer zu schaffen. Jede Farbe hat eine therapeutische Zuordnung. Orange heitert die Stimmung auf – und regt den Appetit an. Wie übrigens auch Gelb. Dunkelgrün wirkt beruhigend fürs Auge und neutralisierend, wenn jemand angespannt oder wütend ist.
Gibt es noch weitere Deckenfarben?
Ja, meine Favoriten. Dunkelblau: schmerzlindernd und kühlend. Und Violett, mein absolutes Highlight im Nachtdienst. Zusammen mit der Licht-Aromalampe werden die Patienten viel ruhiger und schlafen besser. Für bettlägerige Patienten haben wir Baldachine angeschafft.

Das klingt sehr schön. Dennoch: Gestorben wird bei Ihnen ja trotzdem, das muss man erst mal aushalten.
Das stimmt. Wobei man nicht nur den Tod ertragen muss, sondern auch viele Situationen davor, in denen es keine zufriedenstellende Lösung gibt. Darum braucht es in diesem Job neben Empathie auch Mut. Mut, dazubleiben und gemeinsam auszuhalten.
Gibt es etwas, das dabei hilft?
Das Allerwichtigste für mich ist: Ich brenne für diese Station und liebe meine Arbeit. Eigentlich geht es nur um Liebe. Die muss man mitbringen, sie geben und empfangen können. Entscheidend ist zudem unser Superteam. Das steht immer zusammen, achtsam gegenüber Patienten und Patientinnen – und Kolleginnen. Wir passen aufeinander auf.
Wie äußert sich das?
Vor einigen Jahren hatten wir eine Patientin, Mutter von vier Kindern, etwa im Alter meiner Töchter. Als sie im Nachtdienst friedlich starb, konnte ich ihr und dem Ehemann gut beistehen, funktionierte anschließend auch tadellos. Bis zur Ablösung durch den Frühdienst. Als dann klar war, dass die Patienten gut versorgt waren und ich mich sicher fühlen konnte, stürzte ich mich heulend in die Arme einer Kollegin. Zu ähnlich war unsere Lebenssituation. Man kann die Arbeit nur machen, wenn man auch das emotional zulässt. So traurig die Situation auch war, fuhr ich später doch mit dem guten Gefühl heim: Jeder war zum richtigen Zeitpunkt da und hat die Situation richtig begleitet.

Bedeutet Ihnen die Nominierung deswegen auch so viel, weil sie aus dem Team stammt?
Ich glaube, es ist eines der schönsten Komplimente überhaupt, wenn eine Kollegin, wie in der Begründung, sagt: „Sollte ich krank sein, würde ich ihr zu 1000 Prozent (kein Schreibfehler, Anm.d.Red.) vertrauen, dass die Pflege bestmöglich gemacht wird.“ Aber: Ich kann ja nur so gut sein, weil wir alle so gut sind und uns gegenseitig stützen. Ich bin der Spiegel meines Teams. Darum habe ich es ebenfalls nominiert.
Die Auszeichnung soll für Wertschätzung und Sichtbarkeit sorgen. Was bräuchte es, um mehr Pflegekräfte zu generieren?
Es müsste offiziell anerkannt werden, dass es psychisch und körperlich ein schwerer Beruf ist. Durch die Bezahlung, verlässliche Dienstpläne, oder, wie in Österreich, dadurch, dass man früher in Rente gehen kann. Das Image müsste sich verbessern: Junge Leute sollten hineinschnuppern und erleben können, wie sehr sie selbst daran wachsen, jeden Tag Menschen in Extremsituationen helfen zu können. Immer gibt es unmittelbares Feedback. Und ganz oft Glücksgefühle.

SZ Good News:Gute Nachrichten aus München – jetzt auf Whatsapp abonnieren
Mehr positive Neuigkeiten im Alltag: Die Süddeutsche Zeitung verbreitet jeden Tag auf Whatsapp ausschließlich schöne und heitere Nachrichten aus München und der Region. So können Sie ihn abonnieren.
Und wie fänden Sie es, wenn eine Ihrer Töchter sagte: „Mama, ich will auch in die Pflege!“
Ich würde sagen: Sieh es dir vorher genau an – wie jeden Beruf. Grundsätzlich würde ich mich aber freuen, weil es zeigt, dass mein Mann, ebenfalls Pfleger, und ich den Kindern wichtige Werte vermittelt haben: Achtsamkeit, Verantwortung für die Gesellschaft, Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe. Es würde mich sehr stolz machen, wenn die Mädchen von sich aus in einen sozialen Beruf gehen wollten. Denn das ist doch der Sinn des Lebens: Füreinander da sein und Begegnungen sammeln. Ob am Krankenbett oder anderswo.

