Man überlebt oder man überlebt nicht: Das sind die zwei Möglichkeiten, wenn jemand auf dem Land in Sierra Leone einen schweren Unfall hat. Wie man überlebt, das ist dann allerdings die Frage. Sind Knochen gebrochen, Gelenke zerschmettert, dann bleibt das eben so, es gibt niemanden, der daran etwas ändern könnte. „Manchmal sind die Knochen im rechten Winkel zusammengewachsen, manchmal gar nicht“, sagt Wolfgang Haller, „manche kommen mit dem Stock, und der Oberschenkelknochen verschiebt sich beim Gehen.“
Der Ebersberger Orthopäde hat in den vergangenen 20 Jahren so manches gesehen, was Mediziner hierzulande seit Jahrzehnten nicht mehr zu Gesicht bekommen haben – einfach, weil es in Deutschland keine Option ist, einen Bruch monate- oder sogar jahrelang unversorgt zu lassen. Doch in Sierra Leone ist gute medizinische Versorgung einem sehr kleinen Kreis vorbehalten. So etwas wie eine Unfallchirurgie gibt es dort nicht an den Krankenhäusern. Und so bleibt weiter viel zu tun für Wolfgang Haller und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter von den „Orthopedics for the Developing World“.

Gegründet wurde der Verein 1997 von Fritjof Schmidt-Hoensdorf. Das Ziel ist über die Jahrzehnte gleich geblieben: die Förderung der unfallchirurgischen und orthopädischen Chirurgie und der Orthopädietechnik in Entwicklungsländern, speziell in Sierra Leone. Auch eine Werkstatt, die orthopädische Hilfsmittel überwiegend für Leprakranke herstellt, wurde unterstützt. Doch die Hürden, auf die die Ärzteteams gestoßen sind, waren immer wieder neue: der zehnjährige Bürgerkrieg, der bis 2002 gedauert und am Land und an den Menschen schlimme Wunden hinterlassen hat, dann Ebola, dann Corona. Und auch die Tatsache, dass das Thema Entwicklungshilfe, um es vorsichtig auszudrücken, bei vielen Regierungen in Europa nicht mehr weit oben auf der Agenda steht.
Die orthopädische Werkstatt gibt es inzwischen längst nicht mehr, doch der Verein macht unermüdlich weiter. Gerade erst war Wolfgang Haller mit einem Team, zu dem zwei OP-Schwestern, zwei Anästhesisten, drei Chirurgen und zwei Kinderärzte gehörten, wieder im St. John of God Hospital in Lunsar, etwa 120 Kilometer von der Küste und der Hauptstadt Freetown entfernt. Seit 2005 ist er regelmäßig als Arzt im Ausland im Einsatz, seit etwa zehn Jahren leitet er den Verein, dem um die 70 Mitglieder angehören. Momentan schafft er es, jährlich drei Ärzteteams für je zwei Wochen nach Sierra Leone zu schicken, „ein Tropfen auf dem heißen Stein“, das weiß auch Haller, aber immerhin das.


Haller, dem der chirurgische Teil seines Berufs immer besonders viel Spaß gemacht habe, wie er erzählt, steht heute nur noch selten im Operationssaal. Er ist inzwischen meist in der Ambulanz für die Triage zuständig, bei ihm stellen sich täglich bis zu 100 Patientinnen und Patienten vor: Wem kann man helfen mit den vorhandenen Mitteln, wen muss man wieder wegschicken? Das sind Entscheidungen, die der 73-Jährige zu treffen hat. Entscheidungen, mit denen auch Hoffnungen zerstört werden müssen.
Oft sind Amputationen das Einzige, was die Ärzte noch tun können
„Es ist oft schon sehr belastend“, sagt Wolfgang Haller, „acht von zehn Patienten müssen wir sagen: Sorry, für dich können wir nichts tun.“ Wenn neue Gelenke notwendig wären, ist das etwa der Fall. Denn unter den hygienischen Bedingungen in Sierra Leone wäre der Eingriff viel zu gefährlich. Ebenso gäbe es niemanden, der sich um die Nachsorge kümmern könnte, wenn die Ärzteteams wieder weg sind. Manchmal bleibt den Medizinern nur, die Menschen mit Gehstöcken oder Krücken zu versorgen.
Sehr oft müssen die Ärzteteams Amputationen vornehmen, wenn mit anderen Mitteln nicht mehr zu helfen ist, weil das Gewebe chronisch infiziert oder der Knochen zerstört ist. Ein Schritt, der für Patienten immer fürchterlich ist, auch in Sierra Leone. Dennoch erinnert sich Wolfgang Haller besonders beeindruckt an einen jungen Mann, etwa 20, dem in diesem Jahr wegen einer chronischen Knochenentzündung am Unterschenkel genau dieses Schicksal widerfahren ist. Er gewöhnte sich schnell an die neue Prothese, versteckte sie auch nicht – und zeigte anderen Patienten, dass es möglich ist, trotz einer Amputation wieder am Leben teilzunehmen. „Er hatte richtiges Sendungsbewusstsein“, beschreibt es der Ebersberger Arzt.
Man hat wirklich das Gefühl, man macht was, was sonst keiner machen würde.Wolfgang Haller
Krücken, Prothesen, Schrauben und Platten, sogar Abdeckmaterial für die OPs besorgt der Verein selbst. Er zahlt auch bei der Klinik für die Unterbringung – die eigene und die der behandelten Patienten, denn das Krankenhaus könnte das nie aus dem eigenen Etat stemmen. Bei der Beschaffung des Materials sei man inzwischen ganz findig, erzählt Haller. Eine Platte, wie man sie für die Behandlung einer Oberschenkelfraktur braucht, sowie zehn bis zwölf Schrauben dazu, kostet in Deutschland an die 600 Euro. Der Verein bezieht das Material über Tansania aus China und zahlt 80 Euro. Alles wird rein über Spenden finanziert, ohne Unterstützerinnen und Unterstützer könnte der Verein gar nicht arbeiten.
Fordernd ist allerdings nicht nur die Finanzierung des Projekts, fordernd sind auch die Arbeitsbedingungen. „Es hat schon Zeiten gegeben, da wäre ich früher abgehauen, wenn ich einen Flug gekriegt hätte. Aber es gab damals nur einen Flug pro Woche“, erzählt der Mediziner offen. Gerade nach dem Bürgerkrieg hatten es die Ärzte mit vielen Patienten mit seit Langem eiternden Kriegsverletzungen zu tun, nachts wurde mit Stirnlampen operiert, weil es kein Licht gab, Wasser floss nur zeitweise aus den Hähnen. Dazu das tropische Klima, eine wirklich sehr anstrengende Sache. Es gibt Länder, in denen Wolfgang Haller lieber arbeiten würde, etwa in Nepal, wo er auch schon einige Male in Krankenhäusern tätig war. Aber dort werde er eben nicht annähernd so dringend gebraucht wie in Sierra Leone, sagt er: „Man hat wirklich das Gefühl, man macht was, was sonst keiner machen würde.“
Nähere Informationen über den Verein, seine Einsätze und Spendenmöglichkeiten gibt es im Internet unter www.o-d-w.net.

