Open Air in Edling:Familientreffen am Stoa

Die Corona-Ausgabe des "Kuahgartn Open Air" in Edling ist ein voller Erfolg: Die Veranstalter haben sich nicht nur ein super Hygienekonzept überlegt, sondern auch die Stimmung ist fantastisch

Von Johanna Feckl

Es ist Samstag, kurz vor halb acht, seit einer guten viertel Stunde stehen Monobo Son auf der Bühne. Der vierte Act am Kuahgartn Open Air in Edling. Die fünf Männer haben mit Brass-Musik und schnellen Rhythmen das Publikum schon so angeheizt, dass kaum jemand mehr sitzt - Beine und Arme wackeln und zappeln umher, von links nach rechts, von oben nach unten. Peter Höfner, einer der sechs Veranstalter des Festivals, tritt an die Tanzbegeisterten der ersten Reihe heran. Mit dem Zeigefinger tippt er auf seine schwarze Maske. Upsi. Einige haben vergessen, beim Aufstehen von ihren Plätzen Masken aufzusetzen - wohl vor lauter Begeisterungsrausch für Monobo Son. Die Geste von Höfner reicht aus, damit bei allen nur Sekunden später eine Maske über Nase und Mund sitzt. Der Veranstalter nickt, gibt jedem eine Corona-Faust und verschwindet wieder in der Menge.

Es ist die elfte Ausgabe des Kuahgartn, die achte im Edlinger Freilufttheater am Stoa. Im vergangenen Jahr musste das Festival zum ersten Mal seit 2012 ausfallen. Corona war Schuld. Heuer aber wollten es die sechs Männer hinter dem Event versuchen: Ein Tag voller Live-Musik, bei dem alle Hygienevorschriften und Pandemiemaßnahmen eingehalten werden - und der trotzdem das einzigartige Konglomerat aus Gaudi und Gemütlichkeit der vergangenen Kuahgartn-Jahre garantiert. Hat es geklappt? Oh ja, auf jeden Fall!

Open Air in Edling: Eine Bomben-Stimmung herrschte vor allem bei "Monobo Son". Da hielt es auch der Letzte nicht mehr auf seinem Sitzplatz aus.

Eine Bomben-Stimmung herrschte vor allem bei "Monobo Son". Da hielt es auch der Letzte nicht mehr auf seinem Sitzplatz aus.

(Foto: Christian Endt)

Auf dem Festivalgelände sieht es ein wenig anders aus als sonst. Statt einer kleinen Bühne direkt vor dem Stoa und einer großen auf der Wiese neben den Sitzrängen gibt es heuer nur die große Bühne, dementsprechend auch weniger Acts. 15 waren es im Sommer 2019, als das Festival zwei Tage stattfand, sogar mit Camping-Möglichkeit. Dieses Mal sind es sechs. "Mit zwei Bühnen wandern die Leute dann ständig hin und her - und das wollten wir ja grad vermeiden", erklärt Peter Höfner. Direkt vor der Bühne sind Stuhlreihen aufgebaut, Abstände inklusive. Auf dem Hügel dahinter stehen Bierbänke, manche sogar mit umgekippten Biertischen hinten dran, die an diesem Tag ihren Dienst als Sitzlehne tun. Noch einmal dahinter richten sich ein paar Besucherinnen und Besucher auf mitgebrachten Decken auf der Wiese ein. Von den Sitzplätzen vor und neben der Bühne abgesehen mangelt es aber auch auf dem übrigen Gelände nicht an Sitzmöglichkeiten: Gleich nach dem Eingang ist der Biergarten, weiter hinten beim Essensstand gibt es noch weitere Tische und Bänke.

Klar: Sitzend lässt sich ein besserer Überblick über die 600 Besucherinnen und Besucher behalten, das Risiko größerer Ansammlungen sinkt - die Veranstalter haben mitgedacht. Das Mitdenken geht sogar so weit, dass alle paar Meter auf dem Hügel verteilt Aschenbecher-Dosen an langen Stöcken in der Erde stecken. Müll liegt hier keiner herum.

Obwohl es den Eindruck macht, als ob das Veranstaltungsteam an jede Kleinigkeit gedacht hat: Anspannung herrscht trotzdem bei den sechs Männern. Haben die Leute unter den Bedingungen Spaß? Halten sie sich auch nach dem dritten Bier an alle Regeln? Erfüllen das Festival tatsächlich alle gesetzlich vorgeschriebenen Pandemie-Regeln? "Mei, ich bin eigentlich Produktionsleiter in einer Druckerei und kein Gesundheitsexperte", sagt Michael Kirmaier aus dem Team. Freilich hätten sie im Vorfeld mit Gemeinde sowie Landratsamt gesprochen und viel im Netz recherchiert. "Aber die Regeln ändern sich ja auch ständig." Eine Rest-Unsicherheit bleibe da einfach zurück.

Open Air in Edling: Bei Matthias Titsch, Robert Pichler, Edwin Kirmaier und Klaus Seidl am Einlass ist die Gaudi nicht zu knapp.

Bei Matthias Titsch, Robert Pichler, Edwin Kirmaier und Klaus Seidl am Einlass ist die Gaudi nicht zu knapp.

(Foto: Christian Endt)

Als dann am Mittwoch der Kreis Rosenheim die Inzidenzschwelle von 50 überschritten hatte und die Zahlen auch am Donnerstag und Freitag nicht wieder unter den Wert sanken, seien sie schon nervös geworden. Was bedeutet das fürs Kuahgartn? Gilt nun die 3-G-Regel, also Zutritt nur für Geimpfte, Genesene und Getestete? Brauchen sie mehr Leute, um den Mehraufwand bei den Kontrollen zu organisieren? "Irgendwie hätten wir das schon geschafft", sagt Kirmaier. Aber froh seien sie trotzdem gewesen, als es hieß: 3-G gilt erst von Sonntag an, für den Zutritt reicht also das Angeben der Kontaktdaten aus.

Ein paar hundert Meter weiter am Eintrittshäusl, wo Tickets kontrolliert und Festivalbänder verteilt werden, trifft man Kirmaiers Bruder Martin, auch er gehört zum Kuahgartn-Kern-Team. Der Vater der beiden Brüder, Edwin, steht ebenfalls hier, er ist einer von gut zwölf weiteren Helferinnen und Helfern an Tag - hinter der Bühne, auf dem Gelände und eben am Einlass. "Für das hier würden wir uns sogar aufarbeiten", sagt Robert Pichler. Von Beginn an steht er bei jedem Kuahgartn am Einlass. Ehrenamtlich, wie alle übrigen auch. "Freunde unterstützen Freunde und wenn die richtigen Leute dazukommen, dann erst recht." Es scheint, als ob alle 600 Besucher des Festivals zu diesen "richtigen Leuten" gehören. "Nicht einer kam hier ohne Maske an oder hat rumdiskutiert", sagt Klaus Seidl von den Männern am Einlass.

Open Air in Edling: Statt 1000 gab es bei diesem "Kuahgartn" nur 600 Besucher.

Statt 1000 gab es bei diesem "Kuahgartn" nur 600 Besucher.

(Foto: Christian Endt)

Es ist das Familiäre, für was das Kuahgartn bekannt ist. Eine kleine eingeschworene Gemeinschaft, die seit Jahren mitten im Wald an einem großen Stein zu guter Live-Musik zusammenkommt. Man kennt sich, man vertraut sich. "Ich wusste, es wird auch unter Corona-Umständen cool", sagt Michaela Angerer. "Den Organisatoren vertrauen wir da echt blind." Die 31-Jährige und ihr Freund Christian Welser sind zum dritten Mal hier. Tickets haben sie gekauft, noch bevor eine einzige Band feststand - alle 500 Karten, die es zunächst im Vorverkauf gab, waren nach nur sechs Tagen weg. Bereut scheint diesen Blindkauf niemand zu haben. Tanzende und schunkelnde Menschen hier, singende und johlende Fans dort, und dazwischen ratschende Paare und Grüppchen - allen ist die Freude anzusehen. Selbst mit Maske.

© SZ vom 23.08.2021
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