Ausstellung in Ebersberg:Kunst von der Straße

Der Münchner Bildhauer Oliver Westerbarkey schafft eindrucksvolle Dioramen aus banalen Materialien - aus Blättern, Stöckchen, Kieseln und Erde.

Von Anja Blum

Er sei ein "Oberflächenfetischist", sagt Oliver Westerbarkey. Doch es geht ihm nicht um geschmeidige Seide, feines Porzellan oder ähnlich Wertvolles - sondern um Materialien, die eigentlich völlig banal sind. Die sozusagen auf der Straße liegen: Kieselsteinchen, Laub, kleine Äste, Erdklumpen. Trotzdem ist Westerbarkey deren Beschaffenheit alles andere als gleichgültig. Welche Stärke hat ein Stöckchen? Welche Schattierung der Sand? Ist ein Stein rund oder eckig? All das ist dem Künstler wichtig, denn er komponiert aus diesen alltäglichen Dingen seine Werke: zumeist großformatige Dioramen, die Zeugnis geben von menschlichen Spuren in der Natur sowie deren Auslöschung im Laufe der Zeit. Und obendrein höchst irritierend wirken - dank einer subtilen Veränderung der gewohnten Perspektive.

Derzeit bestückt Oliver Westerbarkey die Alte Brennerei, die Galerie des Ebersberger Kunstvereins, mit seinen Arbeiten, die Ausstellung soll am 5. Februar fertig sein. Wann sie aber besichtigt werden kann, steht leider pandemiebedingt noch in den Sternen. Doch keine Sorge: "Es soll alles hängen bleiben, bis wieder eine Öffnung möglich ist", heißt es vonseiten des Vereins. Der hoffnungsvolle Titel der sehenswerten Schau lautet jedenfalls: "In and Out and Round and Round, Missed and Gone and Lost and Found".

Ja, die Landschaft ist eines der weitverbreitetsten Sujets in der Kunst. Vom kitschigen Sonnenuntergang bis hin zum abstrakten Seelengarten. Die Auffassung Westerbarkeys aber ist trotzdem gänzlich neu, und seine Technik erst recht. "Bei mir rückt das, was eigentlich der Hintergrund ist, nach vorne", sagt der Künstler und lächelt. Das scheinbar Unscheinbare entfaltet unter seinen Händen plötzlich enorme Wirkung. "Die Auffahrt" zum Beispiel, ein vierteiliges Großformat, zeigt eine Fläche, an der jeder vorbeigehen würde, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen: ein sandiger Weg, ordinäres Gebüsch, nackte Erde. So wie Westerbarkey dieses banale Gelände aber darstellt, wird es zum faszinierenden Hingucker, weil es unsere Sehgewohnheiten auf den Kopf stellt. Was ist vorne, was hinten? Ist das noch zwei-, oder schon dreidimensional? Ein spannendes Vexierspiel für Auge und Gehirn! Darum geht es dem Künstler, nicht um eine "fotorealistische Fleißarbeit".

Geboren wurde Westerbarkey 1969 in Konstanz als Oliver Schmidt, er ist ausgebildeter Steinmetz und hat an der Akademie in München Bildhauerei studiert, zuletzt als Meisterschüler von Norbert Prangenberg. Seine aktuelle Arbeitsweise pflege er seit etwa sechs Jahren, erzählt Westerbarkey, die Inspiration dazu habe er dank einer Brachfläche rund um sein Atelier in München gefunden. "Zunächst habe ich die nur ganz unbedarft nachgebildet, aber dann bin ich immer tiefer eingestiegen in diese Spielerei."

Mittlerweile hat Westerbarkey seine Technik vervollkommnet: Als Vorlage dienen oftmals Fotos, die er "wie manisch" sammelt. Außerdem weiß der Münchner genau, wo er welche Materialien findet, der Friedhof um die Ecke zum Beispiel sei eine Goldgrube. Blätter und andere feste Materialien behandelt er mit farblosem Acryl vor, Holzpaneele mit eben diesem als Klebstoff, Erde und Sand werden geschüttet, Sägespäne sorgen, wo nötig, für mehr Struktur an der Oberfläche, am Ende setzt der Künstler mit Farbe und Pinsel fast unsichtbare Akzente. Doch deren Wirkung ist enorm: Pflanzen und Steine rückt er so in Licht und Schatten, das Werk wird noch plastischer, natürlicher, optisch verwirrender. Westerbarkey beschreibt die Arbeitsschritte als sehr unterschiedlich: Manches gestalte er ganz grob, wie ein Gärtner, anderes verlange größte Akribie, Halm für Halm, Blüte für Blüte. Um seine Dioramen ganz in Ruhe verkleben und trocknen lassen zu können, hat sich der Künstler ein umklappbares Stativ angeschafft. "Sonst hätte ich schon lange zwei Bandscheibenvorfälle."

Eine Frage, die Westerbarkey immer wieder gestellt wird, lautet: Wie lange hält das? "Länger als ein Anselm Kiefer", antwortet er, lacht, und fügt dann hinzu: "meinem Empfinden nach hundert Jahre". Selbst bei seinen vielen Ausstellungen sei noch nie etwas passiert - obwohl diese Kulissen aus Pflanzen, Erde und Steinchen mit ihrer enormen Haptik durchaus zur Berührung einladen. Doch Westerbarkey ist da völlig entspannt, würde sich sogar sehnlichst wünschen, einmal mit einem solchen Diorama Kunst am Bau schaffen zu dürfen. "Dazu müsste das Werk nur hinter Glas sein. Das ist alles."

Indes: Westerbarkey kann nicht nur großformatig, sondern auch kleiner. Meterlange Kunst ist schließlich selten was für Sammler. In die Alte Brennerei hat er zum Beispiel ein Werk mit dem Titel "Shelter" mitgebracht, die Nachbildung einer Hütte aus Naturmaterialien, Stöcken, Ästen und Blättern. "Dieses Tipi ist mir in den Isarauen begegnet", erzählt der Künstler. Die rudimentäre Statik, der archaische Wunsch nach einer Behausung - deswegen habe das Objekt ihn sofort angesprochen. "Da kommt noch die Architektur mit ins Spiel, das ist spannend."

Für die Ebersberger Ausstellung hat sich Westerbarkey außerdem etwas ganz Neues einfallen lassen: eine mobile Videoinstallation namens "Ohne Grund und Boden". Dabei bietet das dreiteilige Gestell genau das - eine Art fahrbare Bodenkulisse. Unten sind Rollen montiert, an einem Arm eine Kamera. Denn der Künstler plant, mit der Installation Spaziergänge durch Ebersberg zu unternehmen und diese zu filmen. Festzuhalten, wie die Stadt zur Kulisse für die Kunst wird, wie sich die Welt verändert, wenn man unvermittelt einen neuen Untergrund hineinschiebt. Die Aufnahmen sollen dann in der Alten Brennerei gezeigt werden - auf dass die Ebersberger ihre Heimat mit neuen Augen sehen.

Kunstverein Ebersberg: Ausstellung von Oliver Westerbarkey in der Alten Brennerei, Öffnung sobald möglich.

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