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Jagd im Kreis Ebersberg:"Die Schweinepest wird für mich die größte Herausforderung"

Karem Gomaa, 58, ist neuer Vorsitzender der Kreisgruppe Ebersberg vom Jagdverband BJV.

(Foto: Christian Endt)

Der neue Ebersberger Oberjäger Karem Gomaa aus Vaterstetten wirbt für Wildschweinfleisch aus der Region - fraglich ist nur, wie lange noch.

Von Korbinian Eisenberger

Hinauf zum Hochsitz führen acht Sprossen aus Holz, und vor dem letzten Schritt aufs Plateau muss der Jäger sich lautlos unter das Geländer bücken. Der Aufstieg auf der weidmännischen Leiter: Steil, hölzern und idealerweise mit einer Portion Demut versehen, wann immer der Jägerschaft Krach droht.

Der Mann, dessen Schuhe gerade die achte Stufe erreicht haben, heißt Karem Gomaa. Er ist seit einigen Wochen der neue Oberjäger im Ebersberger Forst. Die Mitglieder der Ebersberger Kreisgruppe des Bayerischen Jagdverbands (BJV) haben den Vaterstettener für vorerst drei Jahre zu ihrem ersten Vorsitzenden gewählt. Der 58-Jährige tritt die Nachfolge des Steinhöringers Konrad Metzger an, der im Alter von 73 nach zwölf Jahren im Vorstand nicht mehr zur Wahl stand. Dem Ingenieur Metzger folgt der Apotheker Gomaa. Ein Pharmazeut ohne Chemiewaffen. Dafür mit Gewehr und Fernrohr.

Ein Augusttag bei Steinhöring, die Sonne fällt durch die Wipfel. In diesem Waldstück hat Karem Gomaa seinen Lieblingsansitz. Ein vier Meter hoher Jägerstand, so filigran gebaut, dass er zwischen den Bäumen leicht zu übersehen ist. Dieses Revier teilt sich Gomaa mit vier Jagdgenossen. An seiner Hose klebt vertrocknetes Blut. "Das ist noch vom Rehbock neulich", sagt er.

In seiner neuen Position warten nun Aufgaben, die sich nicht mehr vom Hochsitz erledigen lassen. Die vielleicht größte steht kurz bevor: Die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest dürfte nach dem jüngsten Fall in Brandenburg auch Oberbayern erreichen. Und den Ebersberger Forst? "Die Gefahr ist jetzt noch größer als ohnehin schon", sagt Gomaa. Um schnell reagieren zu können, hat der Kreis Ebersberg einen ASP-Notfallplan entwickelt, ein Gemeinschaftswerk des Ebersberger Veterinäramts, Kreisjagdberaters, Landwirten und Jägerschaft: Jeder Fund eines toten Wildschweins wird per Blutprobe untersucht. Ist ein Tier ASP-positiv, wird der nähere Umkreis zur jagdfreien Quarantänezone samt Ernteverbot erklärt. Gomaa: "Die Pläne liegen fertig in der Schublade."

Gomaa stapft jetzt in Tarnfarben über den Waldboden, braun, grün, grau von Hut bis Schuh. Es gehört dazu, ein Tier ohne Vorwarnung aus dem Hinterhalt zu erlegen. Nicht wenigen missfällt Jagd deswegen grundsätzlich. Das merken die Jäger, sagt Gomaa, wenn die Hochsitzleiter angesägt wurde, um eine halsbrecherische Falle zu stellen. Die Chemie zwischen Tierschützern und Jägern könnte besser sein. Auch deswegen hat er, der sich mit Chemie auskennt, nun diesen Posten.

Kritiker sehen Jagd und Tierwohl unvereinbar. "Genau das Gegenteil ist der Fall", sagt Gomaa, der sein Gewehr an diesem Nachmittag nicht geladen hat. Er ist nicht zum Jagen gekommen, sondern um treffende Worte zu finden für das, woran ihm liegt. Warum machte er als Student den Jagdschein? "Weil der Jäger in einer hoch spezialisierten Welt vom Schlachten bis zum Fertigprodukt alles aus einer Hand liefern kann", sagt er. Für ihn ist Jagd der gesunde Gegensatz zu den großen Schlachtbetrieben, wo Tiere zu Massenware verarbeitet werden.

Die Sonne taucht den Wald in warmes Licht. Als strahle sie mit Karem Gomaa um die Wette, der für die Fotokamera ein Denzel-Washington-Lächeln zelebriert. Der neue Ebersberger Oberjäger wirbt regelrecht für Fleisch aus dem Wald. "Biologisch, regional und damit nachhaltig erzeugt." Die erlegten Tiere sind vor ihrem Tod nicht unter Stress oder müssen Leid ertragen, wie es an vielen Schlachthöfen unumgänglich ist. Klar, sagt Gomaa, gelte das nur solange der erste Schuss tödlich trifft.

Gomaas Aufstieg zum Hochsitz ist ästhetisch unbedenklich, höchstens die gebückte Bewegung Richtung Sitzbrett lässt den allerletzten Schliff an Eleganz vermissen. 750 Mitglieder hat er künftig unter sich, er wird sich die Wochenenden im Kalender markieren, an denen nicht ein runder Geburtstag oder eine Beerdigung anstehen, bei der das ungeschriebene weidmännische Gesetz seit jeher den ersten Vorsitzenden verlangt. Oder wie sein Vorgänger Konrad Metzger es ausdrückt. "Wenn der Minister angesagt ist, sind die Leute auch enttäuscht, wenn der Staatssekretär kommt."

Metzger kennt beide Rollen, die des Vize hatte er neun Jahre inne, dann folgte der Aufstieg zum Chef. In den vergangenen drei Jahren war Gomaa oft an seiner Seite, Metzger hat seinen designierten Nachfolger vorbereitet. Er spricht von einem "gebildeten Mann, der mit Menschen umgehen kann und fachlich gut aufgestellt ist". Die Gratwanderung zwischen Hochsitz, Schießstand, Landratsamt und Jagdbehörde? Dafür, so Metzger, habe Gomaa "den entsprechenden Sinn und Weitblick".

Bereits im April waren Gomaa und Metzger bei einem Pressetermin in Anzing gemeinsam aufgetreten, damals ging es um Werbung für Wildfleisch vom Grill. Auch darin liegt die Hoffnung Gomaas: Dass die Leute in der Region Wildfleisch nicht nur zur Weihnachtszeit sondern das ganze Jahr über schätzen lernen. So serviert etwa der neue Wirt des Waldbiergartens St. Hubertus eine "gigantische Wildschweinbratwurst", einzelne Metzger wie etwa die Metzgerei Königer in Landsham haben sich auf Wildware spezialisiert. Dem Vernehmen nach ist das Interesse der Ebersberger im Lauf des Coronajahrs größer geworden. Als hätte sich rumgesprochen, wie gesund Wild vom Grill ist, auch wegen seines geringen Fettgehalts. Gomaa: "Die Nachfrage für Wildbret ist gestiegen."

Der neue Vorsitzende hat das Gewehr jetzt über der Schulter hängen und stapft am Waldrand entlang. Landwirte auf ihren Bulldogs winken ihm zu, Gomaa grüßt zurück. Die Bauern hier seien ihm wohlgesonnen, sagt er. Auch weil in diesem Bereich praktisch keine Wildschweine unterwegs sind, die den Landwirten die Felder verwüsten. In vielen Teilen des Ebersberger Landkreises ist die Lage deutlich ernster.

Der Wald raschelt, hier ist nur zu erahnen, dass sich der Schwarzwild-Bestand in der Region seit 2016 vervierfacht hat. So mancher Bauer bekommt das zu spüren - wie in vielen Teilen Bayerns. Die Gefahr der Schweinepest steigt mit der Population der Wildsau. Für Gomaas Vorgänger Metzger ist es "nur eine Frage der Zeit", bis die Seuche den Ebersberger Forst erreicht. Chemische Störungen sind da fast vorprogrammiert, nicht nur innerhalb der Jägerschaft. Der Pharmazeut sagt: "Das wird für mich die größte Herausforderung."

Zusatzinfo: Die Afrikanische Schweinepest ist für Menschen ungefährlich, nicht aber für Wild- und Hausschweine. Wer ein verendetes Wildschwein findet, wird gebeten, sich ans Veterinäramt Ebersberg zu wenden.

© SZ vom 16.09.2020/koei
Wildschweinjagd mit Nachtsichgerät

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