Süddeutsche Zeitung

Oans. Zwoa. Drei.:Knödeldreher und Sternpolka

Jedes Frühjahr lädt der Kirchseeoner Trachtenverein "Seetaler" zum Volkstanzkurs - für den Verein Einnahmequelle und ein Weg zur Erhaltung des Brauchtums zugleich

Beim Partnerwechsel verlieren sie sich plötzlich aus den Augen. Suchend schaut Thomas zu den anderen Paaren, die zum Takt des Akkordeons munter ihre Kreise drehen, oans, zwoa, drei, vier, die Münchner Française. Doch wo ist Barbara, also seine Tanzpartnerin, auf die der Anfänger heute etwas nervös gewartet hatte? Der hochgewachsene 47-Jährige mit der eckigen Brille lässt suchend den Blick wandern.

Ein Montagabend in der Veranstaltungshalle des ATSV Kirchseeon. Das Akkordeon dudelt, eine Trachtlerin strickt einen Topflappen, das Tanzlehrer-Duo wirbelt in Dirndl und Lederhosen über den Boden und gibt Anweisungen. Es ist der Volkstanzkurs des Seetaler Trachtenvereins, der jedes Frühjahr stattfindet. Heuer sind 18 Paare zwischen 16 und 70 Jahren gekommen. Manche von ihnen machen den Kurs schon zum fünften Mal - und dann sind da Neulinge wie Thomas und Barbara.

Das Akkordeon ertönt. Sie nehmen sich bei der Hand, probieren eine etwas holprige Drehung. "Schön, dass du hier bist", flüstert Barbara. Die 59-Jährige mit dem gutmütigen Gesicht und rosa Strickpulli hat Thomas bei einer Radltour in Griechenland kennengelernt. Als ihre Freundin ihr von dem Volkstanzkurs in Kirchseeon erzählte, dachte sie an Thomas. Und der dachte sich: Warum nicht? Also setzte sich der Erdinger am Montagabend ins Auto und traf die Münchnerin in der Kirchseeoner Halle.

"Auf geht's", ruft der Tanzlehrer. Es ist Zeit für eine Polka. Thomas und Barbara hüpfen los, außen-zwei-drei, innen-zwei-drei, etwas holprig, sie lachen und schauend fragend zum Ansager hin. Der führt Neulinge wie sie behutsam in die Welt des Bayerischen Volkstanzes ein. Zum Beispiel den "Boarischen". "Aus-ei-nand', wie-der z'amm", ruft Tanzlehrer Peter Seitz ins Mikro. Thomas schaut skeptisch. "Das ist gar nicht so schlimm", flüstert Barbara, sie hat schon einmal einen Kurs gemacht. Thomas steht links von ihr, muss nun im Takt drei Schritte von ihr weg und wieder drei zu ihr hin machen. Beide starten etwas verzögert, finden wieder zueinander und retten sich in eine schwungvolle Drehung, oans, zwoa, drei, vier, beide lachen.

Seit rund drei Jahrzehnten können Leute wie sie bei den Seetaler Trachtlern Tänze mit einprägsamen Namen wie "Mexikanischer Walzer", "Knödeldreher" oder "Hiatamadl" kennenlernen. Für den Verein ist das nicht nur ein Weg, um Brauchtum am Leben zu erhalten, sondern auch eine willkommene Einnahmequelle für Veranstaltungen. Dabei beobachten die Trachtler, dass es immer mehr Barbaras und Thomas' gibt. "Das tut uns gut", sagt Vereinsurgestein und Vorsitzender Josef Götz.

Und offenbar auch den Schülern. Alleine bleibt hier niemand, auch nicht Thomas bei der Münchner Française, dem höfischen Wechseltanz, bei dem er Barbara verloren hat. Nach einem kurzen, verlorenen Moment in der Mitte kommt sie wieder auf ihn zugeschwebt und die beiden wiegen sich in einer Drehung.

"Koa Stress, das wird ins Blut reingehen", ruft der Tanzlehrer. Nach Perfektion strebt hier niemand, die Geselligkeit steht im Vordergrund. Alle sind per du, zwischendurch gibt es immer wieder kurze Verschnaufpausen. Thomas und Barbara setzen sich zu den anderen, er trinkt einen Schluck Apfelschorle. "Ich bin zu aufgeregt", sagt er. Barbara legt ihre Hand auf seinen Arm. "Das macht gar nichts", sagt sie.

Ihr Vorteil: Die Tänze sind zwar abwechslungsreich, aber dennoch recht eingängig. Man begegnet sich voreinander, hintereinander, macht zwei, drei, vier Schritte, drehen, stapfen, vorwärts, rückwärts, der bayrische Volkstanz ist für jedermann. In Kirchseeon tanzen manche Frauen in Pumps, andere in Turnschuhen, manche Männer in voller Tracht, andere im Polohemd - ein Querschnitt der Gesellschaft. Im Mittelpunkt: der Spaß an der Freud'.

Das Akkordeon setzt ein. "Jetzt geben wir Gas", ruft der Lehrer. Thomas und Barbara bilden mit den anderen einen Kreis, links zwo drei, rechts zwo drei, marschieren hintereinander, zwei Frauen huschen mit hinein in die Sternpolka. Zusammen mit den anderen Männern bleibt Thomas stehen, sie klatschen beschwingt im Takt, o-ben, un-ten, während Barbara und die anderen Frauen um die Herren marschieren. "Juhuhuuu", hallt es durch den Saal, dann wird die Musik wieder langsamer. Barbara bleibt auf Thomas' Höhe stehen und greift nach seiner Hand.

Der Volkstanzkurs läuft an den kommenden vier Montagen bis zum 8. April weiter, neue Mit-Tänzer sind willkommen. Los geht's jeweils um 19.30 Uhr in der Veranstaltungshalle des ATSV am Sportplatzweg 7. Kosten sind 15 Euro für Einzelteilnehmer und 20 Euro für Paare. Anmeldungen sind nicht erforderlich. Fragen an Josef Götz: (08091) 3276.

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SZ vom 15.03.2019
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