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Novum an der Musikschule Vaterstetten:Von Stepptanz bis Alphorn

Bei der ersten "Aktiv- und Schnupperwoche" ist mächtig was los: Klein und Groß lassen sich an die Welt der Töne heranführen oder probieren mal etwas ganz Neues aus

Das hätte man der Frau mit dem freundlichen Lächeln gar nicht zugetraut: "Nun zeige ich dir, wie man mit der Faust spielen kann!", eröffnet sie der neunjährigen Sarah, die gerade ihre allererste Klavierstunde hat. Nur halb rechnet man also damit, dass Marianne Drügh das Instrument gleich mit wuchtigen Schlägen traktieren wird - bei entsprechender Lautstärke. Und tatsächlich: Die fröhliche, kleine Tonfolge, die nun erklingt, ist nicht nur melodisch, sondern auch zart. Sie entsteht, indem die Fingerknöchel auf den schwarzen Tasten gedreht werden, nach der Klavierschule von Fritz Edmonts. Noten sucht man hier vergeblich - denn genau das ist der Inhalt dieses Workshops im Rahmen der ersten "Aktiv- und Schnupperwoche" der Musikschule Vaterstetten: "Klavierunterricht übers Hören"

Musiklehrerin Drügh ist die Sache des auswendig Spielens ohne Leistungsdruck eine Herzensangelegenheit. Das wird ganz deutlich, als es förmlich aus ihr heraussprudelt: "Die Seele des Menschen muss frei spielen können, sonst klingt die Musik nicht gut!" Auch jungen Menschen, die sich via Youtube selbst das Spielen beibringen, will sie zur Seite stehen, wenn es um technische Effizienz wie den Fingersatz geht - da vergleicht sie sich mit einer Yoga-Trainerin, die stets ein Auge auf die richtige Haltung der Schüler hat.

Mal beschwingt, mal konzentriert, laut oder leise, und in jedem Fall kreativ geht es zu bei der ersten Schnupperwoche der Musikschule Vaterstetten.

(Foto: Christian Endt)

Haltung steht - im wahrsten Sinne des Wortes - auch im hellen Gitarrenzimmer bei den "Körper- und Fingerübungen für Musiker" im Vordergrund. Dort demonstriert Andrey Parfinovich erst, wie man richtig steht und atmet und dann, wie man nicht nur die Finger kräftigen und beweglicher machen, sondern auch das Gehirn anregen kann. Dazu lässt er die erwachsene Klarinettenschülerin und den Gitarre spielenden Viertklässler im Deutschlandtrikot erst abwechselnd kleine, klingende Metallkugeln und deutlich größere Exemplare aus Stein in ihrer Handfläche kreisen, bevor es dann vor der breiten Fensterfront ans Jonglieren geht. Der gebürtige Russe wehrt sich vehement gegen das Klischee vom angeblich unter seinen Landsleuten verbreiteten eisernen Drill: "Ich habe nie einen solchen Lehrer gehabt und bin selbst auch keiner. Im Gegenteil: Meine Schüler sollen weiche Bewegungen machen, locker werden, ihren eigenen Körper besser verstehen." Außerdem vertritt der studierte Konzertgitarrist die Ansicht, gute Musiker sollten über den eigenen Tellerrand hinausblicken, viel wissen, lesen, singen und auch Sport treiben.

Kein Problem an diesem Nachmittag! Im verspiegelten VHS-Raum, eine Treppe tiefer, haben sich ein Junge und neun Mädchen zum Stepptanz versammelt. Eine trägt Profischuhe (von Mama), die restlichen Neun- bis Dreizehnjährigen stehen in Ballettschläppchen oder Skatersocken im Kreis auf einer gedachten Linie, während Jana Dobrick geduldig erklärt, wie sie mit den Füßen bei gleichzeitiger Gewichtsverlagerung nach hinten auf eine imaginäre zweite, innere, Linie tippen müssen. So erlernt die "echt flotte" Gruppe den letzten Schritt einer gelungenen Choreografie, bei der alle zu "Elmer's Tune" von den Andrew Sisters durch den Raum wirbeln, als hätten sie vier Stunden anstatt nur vierzig Minuten Training hinter sich.

Für alle Generationen und Geschmäcker ist etwas geboten.

(Foto: Christian Endt)

Auch diese Veranstaltung ist Teil des Angebots der Musikschule Vaterstetten in dieser Woche. So wie die kostenlosen Schnupperstunden, bei denen alle Interessierten "von sechs bis 99 Jahren" allein oder in einer Kleingruppe mehr als dreißig Instrumente von Xylofon bis Alphorn ausprobieren dürfen. Den ganzen weiten Weg von Ritzenweiler in Oberschwaben haben die vier zwischen neun und 15 Kilo schwere Klanghölzer aus der Manufaktur Neumann hinter sich. Natürlich in zerlegtem Zustand, denn steckt man sie zusammen, sind die Haselfichtenhörner bis zu vier Meter lang.

Das würde sicher auch gelten, würde man alle Seiten des 20 Blätter starken Programmheftes nebeneinanderlegen. Darin steht unter anderem, dass mit dem Computer Musik gemacht, in der Kirche georgelt, in der Gruppe gejodelt oder ganz traditionell gesungen wird. Außerdem sind verzeichnet: Ausflüge nach München ins Stadtmuseum, ins Gärtnerplatztheater oder zum Geigenbauer. Zara, die am Vortag mit von der Partie war, ist von diesem Besuch noch ganz erfüllt, weil sie nach der Demonstration einer Geigenlackierung selbst aktiv werden durfte. Für längere Berichte hat die Elfjährige indes keine Zeit, sie versucht sich gerade mit großem Geschick am "Rutschen" oder Lagenwechsel. Im Geigenfach, wo die meisten mit vier, fünf Jahren starten, gilt Zara mit ihren drei Jahren Unterricht als Spätbeginnende. Lehrerin Susanne Howard ist jedoch von der Zielstrebigkeit der Fünftklässlerin, die obendrein Saxofon spielt, im Chor singt und Karate betreibt, sehr angetan.

Vaterstetten Musikschule, Schnupper & Projektwochen, Schlagzeug, Ernesto

Die Vielzahl musikalischer Aktivität kann im wahrsten Sinne des Wortes auf die Ohren gehen.

(Foto: Christian Endt)

Offenbar hat sie also das leidige "Üben" bereits verinnerlicht - wofür sieben andere Kinder gerne noch Tipps und Tricks von Martina Hussmann und Petra Scheuring hätten. "Einrad fahren habe ich so lange geübt, bis ich eine bestimmte Strecke konnte, aber bei Flöte ist ja nie ein Ende!", meint eines der Mädchen. Sie bekommt den Rat, sich Ziele zu setzen: Eine bestimmte Melodie fehlerlos zu spielen, in einem Orchester mitzuwirken, ein Traumstück zu finden, das man gern beherrschen möchte ... Denn alles geht besser, wenn man weiß, wofür man es tut.

Die beiden Vierjährigen, die mit ihren Müttern auf weichen Turnmatten Platz genommen haben, brauchen hingegen keine zusätzliche Motivation. Mit Ingrid Köthe, die im Haus unter anderem für den Musikgarten zuständig ist, wollen sie "Klangkörper basteln". Aus leeren Kichererbsendosen und Luftballons entstehen im Handumdrehen Zupfbecher. Dann kündigt die Musiktherapeutin an: "Das Trommelfell muss baden gehen", und macht das Elefantenhaut-Spezialpapier für die Tontopftrommel mit Wasser geschmeidig.

Das Programm umfasst rund 70 Angebote.

(Foto: Christian Endt)

Nach einem Nachmittag mit so vielen interessanten Begegnungen und jeder Menge Musik möchte man dem eigenen Trommelfell nun erst einmal eine Ruhepause gönnen. Und verabschiedet sich deshalb ein bisschen wehmütig von dem Gedanken, den netten Bernd Kölmel zu bitten, nur einmal ganz kurz sein Schlagzeug ausprobieren zu dürfen. Denn das hat der Chef beim Rundgang nicht angeboten - einen solchen Wunsch hätte er der Reporterin wahrscheinlich nicht zugetraut.