Für viele Familien war der Montessori-Kindergarten in Niederseeon viel mehr als nur ein Betreuungsplatz, nämlich ein „totaler Wunschort“, eine Art wahr gewordene Utopie. Doch seit etwa einem halben Jahr steckte die Einrichtung in einer schweren Krise. Laut interner Mails gab es diverse Konflikte im Team, Gerüchte sowie große Verunsicherung unter den Eltern. Und nun ist klar, warum: Sowohl Eltern als auch Fachkräfte haben bereits Mitte August Vorwürfe gegen den langjährigen Leiter erhoben, woraufhin das Jugendamt in Ebersberg zum Schutz der Kinder vorsorglich verfügt hat, dieser dürfe bis auf Weiteres nicht mehr im Gruppendienst arbeiten. Erlaubt waren ihm nur mehr Bürotätigkeiten – ohne Kontakt zu Kindern. Die Polizei wurde ebenfalls eingeschaltet.
Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft München II Ermittlungen gegen den Erzieher eingeleitet: Es bestehe der Verdacht des sexuellen Missbrauchs von Kindern und des Besitzes kinderpornografischer Schriften. Weitere Auskünfte seien in Hinblick auf das laufende Verfahren aber nicht möglich, teilt ein Pressesprecher mit. Außerdem weist er darauf hin, dass bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung gelte.

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Weil er das damals minderjährige Mädchen wiederholt angefasst und massiv mit eindeutigen Textnachrichten belästigt hat, erhält ein 43-Jähriger vor dem Ebersberger Amtsgericht eine Bewährungsstrafe mit strengen Auflagen. Dass er nicht in Haft kommt, verdankt er seinem späten Geständnis.
Der Leiter des Kindergartens schrieb Ende September in einer Mail an die Eltern: „Ich möchte deutlich klarstellen, dass es keine Lebenssituation gegeben hat, die strafrechtlich relevante Konsequenzen hätte haben können.“ Niemals sei es seine Absicht gewesen, jemandem – weder Kindern noch Erwachsenen – nahezutreten, sie zu verunsichern, zu ängstigen oder irgendeine Grenze zu überschreiten. „Aus meiner Sicht gehört es allerdings zu den Bedingungen des Lebens, auch die menschliche Frage nach Nähe und Körperkontakt zu beantworten, sofern sie von den Kindern ausgeht und gewünscht ist.“
Der Montessori-Kindergarten in der Gemeinde Moosach hat seinen Betrieb Anfang Dezember komplett eingestellt, das ist der Homepage zu entnehmen. Erklärungen finden sich dort jedoch keine. Nach Auskunft des Jugendamts war Personalmangel der Grund: Ohne den Leiter im Gruppendienst hätten dauerhaft nicht genügend pädagogische Fachkräfte zur Verfügung gestanden, um eine Betreuung der Kinder zu gewährleisten.
Der Beschuldigte hatte in dem Kindergarten alle wichtigen Positionen inne
Der Kindergarten war klein, es gab dort nur 24 Betreuungsplätze, dafür war das Einzugsgebiet umso größer: Die Kinder stammten aus diversen Kommunen in verschiedenen Landkreisen, je Gemeinde seien von der Schließung maximal drei Kinder betroffen, teilt das Jugendamt mit. Deswegen ergebe sich aus der Verpflichtung der Heimatorte, den betroffenen Familien einen alternativen Betreuungsplatz zur Verfügung zu stellen, nirgends eine „außergewöhnliche Belastung“.
Der Montessori-Kindergarten in Niederseeon existierte seit knapp 30 Jahren, als Träger fungierte der Verein „Wege der Entfaltung“, laut Homepage gegründet mit dem Ziel, das Pikler-Institut, ein Säuglings- und Kleinkinderheim in der ungarischen Hauptstadt Budapest, finanziell zu unterstützen. Der Verwaltungssitz des Vereins liegt in Grafing. Der jetzt unter Verdacht stehende Mann vereinte im Montessori-Kindergarten alle wesentlichen Positionen: Er war Gründer der Einrichtung, Leiter, Haupterzieher und im Vorstand des Trägervereins.

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Von einem Vater wird er beschrieben als charismatischer und intelligenter, sehr einnehmender Mann mit radikalen pädagogischen Ansätzen. Es gehe ihm darum, Kindern wirklich etwas zuzutrauen, sie zu fordern, sie ernst zu nehmen in ihren Entscheidungen, deshalb habe er sie zum Beispiel mit echtem Werkzeug spielen lassen. Er könne plausibel und mit spürbarer Begeisterung argumentieren, heißt es. „Viele Eltern sind ihm deshalb zu Füßen gelegen.“ Im Kindergarten referierte der Leiter regelmäßig bei „Offenen Elterngesprächskreisen“ über diverse Erziehungsthemen.
Eine Mutter erzählt, sie habe recht schnell begonnen, sich Sorgen zu machen wegen eines in ihren Augen nicht angemessenen Umgangs des Leiters mit den Kindern. Generell sei da „unangenehm“ viel körperliche Nähe gewesen, auch seien im Kindergarten Nacktfotos entstanden, ohne dass sie als Eltern dem je zugestimmt hätten. „Aber wir haben uns nicht getraut, das bei ihm anzusprechen.“ Wegen seiner doch recht dominanten Persönlichkeit, aber auch aufgrund einer erheblichen Abhängigkeit: Die Verträge seien jeweils lediglich für ein Jahr gültig gewesen. Es habe auch immer wieder Familien gegeben, die den Kindergarten „plötzlich verlassen“ hätten. Außerdem habe der Leiter Empfehlungen für die Montessori-Schule nebenan ausgesprochen – „auf die ja jeder gerne wollte“. Die Elternumfragen des Kindergartens wiederum seien nicht anonym gewesen und eine andere, neutrale Ansprechperson habe leider nicht zur Verfügung gestanden.
Die Schule sorgt sich vor allem um ihren guten Ruf: Sie betont die strikte Trennung der beiden Institutionen
Weitere Personen, die tiefergehende Einblicke in das Geschehen geben könnten, lehnen ein Gespräch ab. Die Montessori-Schule in Niederseeon, auf deren Gelände sich der Kindergarten befand, sorgt sich in erster Linie um ihren guten Ruf. In einer internen Mail an die Eltern Anfang Dezember wurde mit Blick auf mögliche Presseanfragen auf die unterschiedliche Trägerschaft der beiden Institutionen hingewiesen: Man sei lediglich Vermieter des Gebäudes gewesen und habe keinerlei Einfluss auf Entscheidungen des Vereins „Wege der Entfaltung“ gehabt. Dieser habe das Mietverhältnis zum Jahresende gekündigt. „Das bedeutet, dass es ab Januar keinen Kindergarten mehr in Niederseeon gibt.“ Auf Nachfrage teilt die Schulleitung mit, dass man das Gebäude renovieren werde, um es ab Herbst für den Schulbetrieb nutzen zu können, da dieser bereits seit einiger Zeit an Kapazitätsgrenzen stoße.
Für 2026/27 übrigens kann man in Grafing einen Kurs mit dem ehemaligen Kindergartenleiter buchen. „Eine Zusatzausbildung für Menschen, die mit Säuglingen und Kleinkindern arbeiten, zum Beispiel für alle Pädagogen, Psychologen, Therapeuten und Mediziner.“ Kostenpunkt für 21 Tage über eineinhalb Jahre: knapp 3000 Euro. Für eine Überprüfung solcher Coachings sei man nicht zuständig, schreibt das Jugendamt. Der veranstaltende Verein, die Hengstenberg-Pikler-Gesellschaft aus Tüttendorf, reagiert überrascht auf die Vorwürfe gegen ihren Referenten. „Wir werden weitere Schritte prüfen.“
Der Beschuldigte selbst schreibt auf Nachfrage, er stehe in engem Kontakt mit dem Ebersberger Jugendamt. Und weiter: „Ich bin überzeugt, dass sich alle Verdachtsmomente entkräften lassen, ich arbeite aktiv an der Aufklärung mit.“

