Süddeutsche Zeitung

Neustart nach Corona-Pause:Große Wiederhörensfreude

Die Rathauskonzerte Vaterstetten bieten auch beim Gastspiel in Haar mit dem "Dresdner Streich-Trio" schieren Genuss

Von Ulrich Pfaffenberger, Haar

Der Abstand der Rathauskonzerte Vaterstetten zu ihrer namensgebenden Spielstätte wird immer größer, ihre Qualität jedoch bleibt bestehen. Mit dem Dresdner Streich-Trio beendete die Reihe am Sonntagabend ihre pandemiebedingte Zwangspause, musste allerdings nach Haar ins Bürgerhaus ausweichen, des Hygienekonzepts wegen. Das treue Publikum nahm die weitere Anreise ohne Murren auf sich, die Wiedersehensfreude unter den Stammgästen war sichtlich groß.

Für die Wiederhörensfreude mit live gespielter, klassischer Musik brachte das Dresdner Streich-Trio die rechte Lust am Spielen und eine vielversprechende Programmauswahl mit: Ludwig van Beethovens Streichtrio Es-Dur op. 3 und Wolfgang Amadeus Mozarts Divertimento Es-Dur liegen in ihrer Entstehung nur wenige Jahre auseinander, könnten aber in ihrer Auslegung kaum unterschiedlicher sein. Zudem sind beide weit entfernt von der jeweiligen "Typisch"-Schublade, entfalten aber während der Aufführung genau jene Authentizität, die verdeutlicht: Das konnte nur der so schreiben - und kein anderer.

Gerade der sechste und letzte Satz des Beethoven-Trios ist beispielhaft für die zeitlose Modernität, die sich in seinen Werken immer wieder findet. Jörg Faßmann, Violine, Sebastian Herberg, Viola, und Tom Höhnerbach, Violoncello, machen eine aufregende Performance aus diesem Finale Allegro, die intensiv auf Hörsinn und Fantasie der Zuhörer einwirkt. Der fast schon waghalsige Moment des Innehaltens kurz vor dem Schlussakkord erschafft eine Klangskulptur, die in jeder Einzelheit der reinen Lehre entspricht, aber in der Komposition kühn über das gewohnte Maß hinauswächst. Eine inspirierende Erweiterung der beiden mal geistreich munteren, mal bewegend tiefgründigen Themen im dritten und fünften Satz, die musikalisches Restlicht selbst in dunkelsten Seelen zum Leuchten brächten - und in der Stille des Denkens den wegweisenden Funken setzen. Diese Interpretation ist eine Verneigung vor dem Komponisten, ausgeführt von einem Trio, das selbst Verneigungen verdient hat.

Das Mozart'sche Divertimento als zweites Stück des Abends schließt einerseits in seiner Wahrnehmungswirkung unmittelbar an den Vorgänger an. Andererseits ist es eine Welt für sich. "Gelehrtheit und Unterhaltsamkeit liegen in Mozarts wundersamem Trio auf einer nie in Frage stehenden einsamen Perfektionshöhe", schreibt Hanspeter Krellmann im Programmheft. Also für die Musik in etwa das, was Michelangelos David für die bildende Kunst: der schiere Genuss. Die Wirkung basiert nicht zuletzt auf der wesentlich intensiveren Ausprägung der drei Streichstimmen, die weniger Effekthascherei erlaubt als ein Quartett, aber ein prägnantes Mehr an Charakter fordert. Eine Aufgabe, die das Trio bravourös meistert, indem es sich den sechs Sätzen, darin zwei Menuette, mit der Zärtlichkeit von Liebhabern nähert, die sich ganz dem Eros der Melodien und ihrer Instrumente hingeben. Da braucht es keinen Marzipanmantel und keinen Nougatkern, um die Sinne der Zuhörenden zu betören, es genügt die reine Musik, damit sich keiner der fesselnden Kraft dieser Dreiviertelstunde entzieht. Das Stück mag länger sein als jede der 41 Sinfonien Mozarts - aber Zeit ist wahrhaftig nicht das Kriterium, das hier eine Rolle spielt. Wollte man tatsächlich etwas herausgreifen, was besonderer Erwähnung bedürfte, dann die Geschlossenheit des Konzertierens und die gleichzeitig spontan improvisierend anmutende Dynamik des Spiels der drei Dresdner. Derlei ist ausgesucht selten.

Als Ausweichspielstätte für die Rathauskonzerte hat der Saal im Haarer Bürgerhaus seine Bewährungsprobe bestens bestanden. Ein Grund zu Freude, diese Form von guter Nachbarschaft, und zur Dankbarkeit, dass es in unserer Region mehrere Räume für Veranstaltungen gibt. Der vermeintliche Luxus erweist sich in Zeiten wie diesen als weise Investition in ein buntes Gemeindeleben, als geradezu programmatische Erfüllung des Versprechens "Bürger"haus. Die Akustik ist ohne Makel, in ihrer aufgeräumten, echofreien Geschlossenheit für Kammermusik geradezu prädestiniert; das Streich-Trio konnte Volumen entfalten, seine Intensität und Strahlkraft bis ins kleinste Detail ungetrübt vermitteln.

Wogegen kein Kraut, sondern nur ein Innehalten - ausgerechnet vor dem feinsinnigen letzten Beethoven-Satz - gewachsen war: das markante, nicht Es-Dur-konforme "Acht-Uhr-Läuten" der Glocken von St. Konrad gleich nebenan. Für künftige Konzerte dort ist insofern ein Beginn erst nach 20 Uhr eine Überlegung wert. Musiker und Publikum nahmen es mit Humor und fanden schnell in ihre Konzentration zurück. Dem kräftigen Applaus am Ende war jedenfalls zu entnehmen, dass ein Wiederhören an gleicher Stelle mehr als wünschenswert ist.

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Quelle:
SZ vom 15.09.2020
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