Neues Regelwerk Klare Spielregeln für alle Trainer

Der TSV Vaterstetten will mit seinem Ehrenkodex sexualisierter Gewalt im Verein vorbeugen. Aber auch die Trainer sollen durch die freiwillig auferlegten Richtlinien in ihrer Arbeit unterstützt werden.

(Foto: TSV Vaterstetten)

Mit einem Ehrenkodex positioniert sich der TSV Vaterstetten gegen sexualisierte Gewalt. Durch die Richtlinien sollen nicht nur die aktiven Sportler, sondern auch Betreuer geschützt werden

Von Andreas Junkmann, Vaterstetten

Wer bei einem Sportverein im Landkreis Ebersberg mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, der muss seit einigen Jahren vor Amtsantritt ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen. Der TSV Vaterstetten geht nun sogar noch einen Schritt weiter und führt einen Ehrenkodex ein, der für alle Trainer im Verein verbindlich gilt. Dadurch sollen nicht nur die aktiven Sportler vor sexualisierter Gewalt geschützt, sondern auch Übungsleitern geholfen werden, mit schwierigen Situationen richtig umzugehen. Für Vorstandsmitglied Karin Stammel ist der Ehrenkodex deshalb nicht weniger als "ein Herzensprojekt, das unseren Verein auf eine ganz neue Basis stellt".

Der TSV - mit mehr als 4000 Mitgliedern einer der größten Sportvereine im Landkreis - hat sich den Leitfaden freiwillig auferlegt. Einen konkreten Anlass dafür habe es Gott sei Dank nicht gegeben, sagt Stammel. "Das Ganze ist deshalb nicht aus einem Zwang heraus entstanden; und wir konnten ohne Druck daran arbeiten." Die Idee dafür stammt aus einer Tagung des Bayerischen Landes-Sportverbands (BLSV), bis zur fertigen Umsetzung hat es insgesamt zwei Jahre gedauert. Der Kodex ist in die Bereiche Präambel, Erläuterung und Erklärung gegliedert, in einem Anhang werden zudem praxisnahe Anwendungsbereiche aufgelistet.

Ein eigenes Team hat sich mit dem Thema befasst

Dort heißt es unter anderem, dass Trainer Kindern keine Privatgeschenke machen dürfen, um eine mögliche Bevorzugung auszuschließen. Bei Einzeltrainings müsse immer mindestens ein weiterer Mitarbeiter anwesend sein, ansonsten dürften die Türen zu den Trainingsräumen nicht verschlossen werden. Zudem müssten Fahrten, bei denen nur ein Kind im Auto sitzt, vorher abgesprochen sein. Die weiteren Punkte drehen sich um Verhaltensregeln, die ohnehin selbstverständlich sein sollten: kein körperlicher Kontakt gegen den Willen der Kinder, keine Film- und Fotoaufnahmen ohne Zustimmung der Eltern; stattdessen transparentes Handeln und Ausüben einer Vorbildfunktion.

Diese Praxisbeispiele sind nicht etwa willkürlich gewählt. Um seinen Ehrenkodex zu erstellen haben die TSV-Vorstandsmitglieder extra ein sogenanntes PsG-Team (Prävention gegen sexualisierte Gewalt im Sport) ins Leben gerufen. "Wir wollten einen maßgeschneiderten Text, der genau zu unserem Verein passt", sagt Stammel, die gemeinsam mit ihrer Vorstandskollegin Beate Kammel und den beiden Beraterinnen, Rechtsanwältin Ullrike Leinekugel und Sozialpädagogin Sabine Menzcigar, bei den verschiedenen Sportverbänden nach Richtlinien gesucht hat, die sich auf die Vaterstettener Bedürfnisse übertragen lassen. Eine mühsame Aufgabe, wie Stammel zugibt, denn nicht alle Verbände hätten einen Leitfaden zur sexualisierten Gewalt vorliegen. Die Recherche habe deshalb einiges an Zeit gekostet.

Es gibt ganz konkrete Vorgaben

Als dann aber schließlich der Textentwurf feststand, musste dieser mit allen Abteilungen im Verein abgestimmt werden. "Wir wollten nicht als Vorstand etwas von oben herab bestimmen, sondern alle mit ins Boot holen", sagt Stammel. Allerdings habe es bei den zahlreichen Gesprächen durchaus auch kritische Stimmen gegeben. "Nicht alle haben gleich verstanden, was wir mit dem Ehrenkodex erreichen wollen. Einig haben sich dadurch bevormundet gefühlt." Am Ende habe sich aber bei allen die Erkenntnis eingestellt, dass der Leitfaden nicht nur ein Schutz für die knapp 2000 Kinder im Verein sei, sondern eben auch für die Übungsleiter selbst.

Eine Möglichkeit, wie die Richtlinien in der Praxis helfen können, hat sich im Austausch mit den Abteilungen gezeigt, wie Stammel erzählt. Ein junger Schwimmlehrer, der mit einer Gruppe im Trainingslager war, sollte am Morgen die Mädchen wecken. "Er hat uns gesagt, dass er in der Situation nicht gewusst hat, was er jetzt machen soll." Der Ehrenkodex versucht auf solche Fragen eine Antwort zu geben. Hier heißt es zu dem konkreten Beispiel etwa: Schlaf- und Umkleideräume dürfen nur nach vorherigem Klopfen und der Aufforderung einzutreten betreten werden. "Wir möchten einfach für bestimmte Situationen sensibilisieren", sagt Stammel.

An dem Ehrenkodex kommt beim TSV Vaterstetten niemand mehr vorbei. Wer ein Amt als Trainer übernimmt, muss das Papier unterschreiben. Das PsG-Team ist ebenfalls weiterhin aktiv und unterstützt die Übungsleiter in ihrer Arbeit. Sollte es trotz Kodex doch zu einem Vorfall von sexueller Gewalt kommen, fühlt man sich beim TSV Vaterstetten aber gut vorbereitet. "Wir haben uns intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und wissen, was wir in so einem Fall zu tun hätten", sagt Karin Stammel, die mit dem Ergebnis der zweijährigen Arbeit sehr zufrieden ist. "Wo vorher ein Schweigen war, da haben wir jetzt eine Formulierung."