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Neues Online-Format:Silbernes Zeitalter

"History Talk" mit Museumsleiter Bernhard Schäfer in der Stadthalle widmet sich dem Ortsteil Grafing Bahnhof.

Von Thorsten Rienth, Grafing

Manchmal sind es Kleinigkeiten, die über die Entwicklung ganzer Regionen entscheiden. Zum Beispiel der für ein zweites Gleis zwischen München und Rosenheim nur ein kleines Stückchen zu enge "Teufelsgraben" bei Holzkirchen. Die Planer der Bayrischen Eisenbahngesellschaft müssen sich in den 1860er Jahren deshalb von einem zweiten Gleis verabschieden und installieren stattdessen eine zweite Trasse über den Münchner Osten - der Grafinger Ortsteil Grafing Bahnhof entsteht.

Wiedergegeben wird die Geschichte so vom Grafinger Stadtarchivar und Museumsleiter Bernhard Schäfer. Historischer Anlass ist das 150-jährige Bestehen des Ortsteils. Anlass für den Auftakt des neuen Internet-Formats "History Talk" ist am Donnerstag die Pandemie: Anstatt wie üblich in ein Wirtshaus einzuladen, sendet Schäfer zusammen mit dem Kulturmanager der Grafinger Stadthalle, Sebastian Schlagenhaufer, live aus derselben.

Um nicht einfach nur im Stakkato die entscheidenden Jahreszahlen durchzugehen, haben die beiden Akteure sich eine besondere Kulisse einfallen lassen: Dank der Zusage, wirklich nichts kaputt zu machen, durfte Moderator Schlagenhaufer die Eisenbahn seiner Kinder aufstellen. Drei Anhänger zieht die Lok hinter sich her, auf jedem transportiert sie eine Foto. Diese fährt Schlagenhaufer einmal quer durch die Landschaft. Kommt der Zug drüben bei Schäfer an, hat der das Stichwort fürs nächste Kapitel.

150 Jahre Grafing Bahnhof

Ein Foto des Bahnhofs von 1902.

(Foto: Peter Hinz-Rosin/Stadtarchiv)

Zum Beispiel eine Bildpostkarte aus dem späten 19. Jahrhundert. "Der Bahnhof war eine echte Errungenschaft", ordnet Historiker Schäfer ein. "Den hat man schon sehr gerne hergezeigt." Im Vordergrund steht die "Hauptbahnstation Grafing", dahinter die Bahnhofrestauration, oder treffender, das Wirtshaus. Auffallend dabei: Die Restauration ist mächtig, ja gar deutlich größer als das Bahnhofsgebäude. "Das hat den Hintergrund, dass der Besteller der Bildpostkarte der Wirt war." Der habe wohl einfach die Proportionen etwas verschoben.

Dass damals reichlich Geld für große Bauwerke vorhanden war, hing dem Grafinger Archivar zufolge mit der Bahnstation zusammen: "Alleine, wie viel Bier die Grafinger Brauereien an die Arbeiter verkauft haben!" Kiesgruben entstanden, um Material für den Gleisunterbau heranzuschaffen. Der Ortsteil Pierstling bekam eine Pumpstation, um Wasser aus dem Urteltal am Bahnhof in die Dampfloks zu füllen. In Nettelkofen machte eine Ziegelei auf, weil man nun auf einmal die Möglichkeit hatte, Produkte von dort ins ganze Land zu transportieren. "In den Quellen ist daher die Rede von einem silbernen Zeitalter in Grafing."

150 Jahre Grafing Bahnhof - Bernhard Schäfer

Bernhard Schäfer erzählt von der Geschichte des Ortsteils Grafing Bahnhof. Unter anderem hat er eine historische Zeichnung dabei.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Entsprechend schnell wächst der Ortsteil. Zählt er um das Jahr 1900 nur 51 Einwohner in sechs Gebäuden, sind es 50 Jahre später schon siebenmal so viele. Dazwischen aber kommt der Krieg: Dreimal wird der Ortsteil bombardiert, im Oktober 1944, im Februar 1945 und noch einmal ein paar Tage vor Kriegsende. Schäfers Luftbilder zeigen: Nur ein Teil der gefährlichen Ladung traf tatsächlich die Bahngleise. "Seither gibt's die Kleinbrauerei Erl nicht mehr."

Wovon der Talk lebt, sind aber nicht nur solche Geschichten, sondern auch die Interaktion über die Chat-Funktion. Was war das gleich noch einmal für ein Gebäude rechts hinten auf dem Foto? "Hab' gerade meine Unterlagen rausgeholt", schreibt ein Zuschauer. "Es war der Hof vom Johann Glasl." Und was waren das früher für große Bäume auf dem Bahnhofsvorplatz? Bei dieser Frage muss niemand nachschauen. "Das waren Kastanien", weiß Schlagenhaufer. Er erinnere sich deshalb so gut an die Bäume, weil man sich mit deren Früchten an der Schulbushaltestelle gegenüber immer Schlachten geliefert habe. "Gemein war, dass die Bäume auf der anderen Straßenseite bei den Älteren standen. Die hatten die ganze Munition." Mehr als 80 Zuschauer klinken sich ein, auch nach einer Stunde werden es nicht weniger - kein Wunder, angesichts solcher Anekdoten.

Während der Ortsteil wächst und wächst, wandelt sich der Bahnhof. Ende der 1970er löst die Bahn die Bahnwerkstatt auf, den Bahnhof selbst degradiert sie zu einer Außenstelle von "München-Ost". Im Jahr 1991 gibt sie den örtlichen Güterverkehr auf. 20 Jahre später wird der Bahnhofsplatz neu gestaltet, und man eröffnet die Parkplätze im Norden und Westen der Gleise. Auch das gehört zur Geschichte von Grafing Bahnhof: Weg vom Lokalbahnhof - hin zum Pendlerbahnhof gen München.

© SZ vom 20.02.2021
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