Süddeutsche Zeitung

Neues Klassikformat in Grafing:Schalk im Turm

"Duo Macore" lässt Klavier und Klarinette tanzen

Von wegen "Steinway trifft Klarinette": Im großen Saal der Grafinger Stadthalle blieben die Stühle übereinander gestapelt am Samstagabend, und der Steinway verwaist. Das Duo Macore war mit seinem Publikum in die Turmstube gezogen. Für den Saal waren es doch zu wenig Klassikfreunde gewesen, die sich für das nicht ganz so häufige Duett aus Klarinette und Klavier interessierten. Schade für alle, die es versäumt haben, muss man sagen.

Nicht nur, dass Constanze und Anna Schackow, Mutter und Tochter aus Grafing, einen faszinierenden Konzertabend hingelegt haben, der ihre Zuhörer von den Romantikern Schumann und Brahms über Debussy als Wegbereiter der Moderne bis zum zeitgenössischen französischen Komponisten Francis Poulanc und damit in die Mitte des 20 Jahrhunderts führte. Nein, der kleinere Rahmen stand dem ohrenscheinlich gewachsenen Zusammenspiel der beiden Musikerinnen, dem familiär-intimen und selbstverständlichen Harmonieren weitaus besser als der große Saal. Dass sie damit auch umgehen können, hatten sie im Vorjahr bewiesen und Brahms Sonate Opus 120 Nr. 2 für ein Video eingespielt, mit dem sich Musikstudentin Anna Schackow für einen sommerlichen Meisterkurs in Frankreich beworben hatte. Mit Erfolg. Diesen Abend nun musste Constanze Schackow, die mit 16 Jahren in Dresden ihr Klavierstudium begonnen und in Augsburg - im Beisein von Töchterchen Anna - mit Diplom abgeschlossen hatte, sich erst einmal mit dem Turmflügel auseinander setzen. Der Blüthner, von Natur aus eher weich, fast behäbig in seinen Klängen, dient hier ja meist den Grafinger Jazzern als Klanglieferant. Deshalb sei er eigentlich gegen seinen Charakter und deutlich härter gestimmt als der Steinway unten, erklärte die Pianistin. "Ein bisschen zickig", sagte sie mit einem Lächeln, "man muss ihn zu nehmen wissen". Und sie wusste es, immer besser schien es, je länger der Abend dauerte.

"Der Brahms liegt einem ja schon manchmal im Magen", sagte sie nach dessen Sonate Nummer eins, bevor sich Mutter und Tochter Schumanns Fantasiestücken Opus 73 hingaben. Und wenn auch die andächtig bei Wein und Bier lauschenden Zuhörer dieser etwas harschen Einschätzung im Hinblick auf die Interpretation der Musikerinnen sicher nicht folgen wollten, so waren es doch die Schumann-Fantasien, die das raffiniert eingeleitete Menü zum musikulinarischen Hochgenuss werden ließen. Das Wörtchen "Hingabe" trifft das Schwelgen des Duos in den Harmonien ganz gut. Und während die Mutter, in Zwickau und so im selben Ort wie der Komponist geboren, ihrer von Kindesbeinen her rührenden Verbundenheit mit den poetischen und manchmal biedermeierhafter Idylle huldigenden Klängen frönte, spürte Anna Schackow der anderen Seite Schumanns nach. Vor allem in den dritten der drei "attaca" ineinander übergehenden Sätze mischen sich Misstöne, wohl gespeist aus Schumanns seelischen Abgründen. In wilden, chromatisierenden Sequenzen jagt der Komponist die Klarinette über die Tonsäule - und Anna Schackow nahm lustvoll teil an dieser Jagd.

Überhaupt sind es die schrägen, manchmal abseitigen Töne, die es ihr angetan haben. Aber auch solche, die von Verletzungen zeugen, wie in Poulencs Sonate für Klavier und Klarinette zu erahnen. Als Liebhaber der Tanzmusik lebte der 1899 in Paris geborene Poulenc in seiner Musik den Spagat zwischen populären Melodien und seiner Verehrung von Mozart, Beethoven und Haydn, aber auch jenen zwischen seinen homosexuellen Neigungen und der tiefen Religiosität, in der er seinen Seelenfrieden suchte. Gegensätze, die sich in seiner Sonate ebenso wie im gelungenen Wechselspiel zwischen Anna Schackows frech-aufspielender Klarinette und dem mal klangwebenden, mal rhythmisch-akzentuierenden Spiel ihrer Mutter entfalten durften. Die, die beide aus ihren Klezmerkonzerten mitbringen, mit seiner kraftvollen und unprätentiösen Art, kam bei ihrer Interpretation des Poulenc ebenso zum Tragen wie bei Claude Debussys Rhapsodie Nummer 1 für Klavier und Klarinette, einer Auftragsarbeit, die der Komponist, der sich zeitlebens dem akademisierten Konstruieren von Musik verweigert hatte, als Examensstück für einen Klarinettisten am Pariser Konservatorium schrieb. Kein Wunder, dass Debussy wieder einmal Faune tanzen ließ - und die Schackows dem Schalk gerne noch mit Nachdruck auf die Sprünge halfen. Mit Brahms und zwei ungarischen Tänzen als Zugabe beschlossen sie vierhändig am Klavier ein wunderbares Konzert im kleinen Rahmen, das, so Stadthallenleiter Sebastian Schlagenhaufer, vielleicht die Geburtsstunde eines neuen Formats werden könnte.

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Quelle:
SZ vom 22.10.2018
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