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Neues Format kommt bestens an:Der Hintergrund im Vordergrund

Einen unterhaltsamen Blick in die Vergangenheit werfen Fotograf Hubert Ametsbichler und Stadthallen-Chef Sebastian Schlagenhaufer.

(Foto: Christian Endt)

Der Grafinger Fotograf Hubert Ametsbichler begeistert zusammen mit dem künstlerischen Leiter der Stadthalle ein großes Online-Publikum

Hubert Ametsbichler ist im Grundschulalter, als er seinen ersten Film verschießt. Vom Friedhof an Sankt Ägidius kommt er zurück nach Hause in die Kirchenstraße. Der Vater, der wie der Großvater und später Ametsbichler selbst einen Fotoladen betreibt, entwickelt die Bilder - und ist entsetzt. Der Bub hat den kompletten Film mit Fotos von Grabsteinen gefüllt. "Ich habe keine Ahnung, warum ausgerechnet Grabsteine", sagt "Hubsi" Ametsbilchler heute und lacht. "Vielleicht, weil ich auf dem Friedhof einfach meine Ruhe hatte: nur ich und die Kamera."

Um Geschichten wie diese geht es am Donnerstagabend in der Grafinger Turmstube. Allerdings sitzen dort nur Hubert Ametsbichler und der künstlerische Leiter der Stadthalle, Sebastian Schlagenhaufer. Die beiden kommentieren historische Grafinger Fotos aus Ametsbichlers großem privaten Familienarchiv und streamen diese Unterhaltung "live" ins Internet. Von dort aus wiederum können die Zuschauer die Sache kommentieren. "Äktschn - Grafinger Geschichte in Bildern", haben Ametsbichler und Schlagenhaufer das neue Format betitelt.

Schon einen Tag vor dem Stream hatte Schlagenhaufer vermelden können: Die Idee schlage ein in Grafing. "Die Nachfrage ist riesig. 'Live' hätten all die Leute in der Turmstube gar keinen Platz gehabt." Und tatsächlich: Der Stream ist noch keine paar Minuten online, da haben ihn schon mehr als hundert Zuschauer angezapft. In der Spitze sind es sogar beinahe 150.

Ametsbichler, inzwischen etwas über 70 Jahre alt, zappt sodann durch seine Fotos. Eine Auswahl von etwa 80 Aufnahmen hat er sich bereitgelegt. Dazu erzählt der Fotograf Geschichten wie eben die von dem Film voller Grabsteinen. Im Schwerpunkt stammen die Fotos aus den Jahren 1920 bis 1980, die ältesten wurden noch vom Großvater gemacht, ab Ende der 1950er Jahre sind auch viele von Ametsbichler selbst dabei.

Das Stadtporträt vom Grafinger Marktplatz aus Wirtschaftswunderzeiten zum Beispiel. Auf dessen Fläche - längst ist dort eine Mittelinsel für Fußgänger errichtet - parkt ein VW-Käfer neben dem nächsten. "Und in den 70er Jahren hat der alte Mann mit Blauhelm den Verkehr geregelt", schreibt einer im Chat dazu. Im Hintergrund des Motivs qualmt es aus Schornsteinen, auch die sind längst Geschichte. Es sind offenbar jene auf dem Areal hinter dem "Gefreiten Haus", wo später die "Bärenhöhle" hinkam und heute unter anderem ein BRK-Haus steht. Grafing war mal Produktions- und Fertigungsstandort, sagt das Foto aus, alles mitten in der Stadt.

Überhaupt sind es die Nebensächlichkeiten wie solche abseits der Bildmitte gelegenen Schornsteine, die es Ametsbichler besonders angetan haben. "Was zählt, ist das, was nicht immer auf den ersten Blick zu sehen ist", sagt er. Oder andersherum: "Ein Bild, auf dem das Bildwichtigste genau in der Mitte ist, ist immer langweilig." Kunstpause. "Solange wir nicht von einem Passbild reden."

Es ist genau diese lockere Haltung, die sich schnell auf die Zuschauer überträgt und zu einer gelösten Mitmach-Atmosphäre führt. Zum Beispiel bei einem Foto, das der ehemalige Stadtrat Sepp Carpus einst aus seinem früheren TV-Geschäft hinaus gen Südwesten vom alten Wildbräugelände geschossen hatte. "Vom Lagerkeller ging unter der Rotter Straße eine Bierleitung an unserem Haus vorbei in die Abfüllstelle bei der heutigen Brauerei", schreibt Carpus prompt in den Chat. Später erzählt er den zweiten Teil der Geschichte: Wie die Leitung verlegt worden sei, hätten die Bauarbeiter den Verlauf der Trasse mit Kreide auf die Straße gemalt. "Mein Vater hat dann spaßeshalber einen Abzweig zu uns ins Haus dran gezeichnet."

Fast zwei Stunden geht das so hin und her. Am Ende ist die Resonanz im Chat eine begeisterte: "Es war total spitze, bitte bald wieder einmal!", ist dort zu lesen oder "Danke für den unterhaltsamen Abend". Jemand anderes bittet darum, das Video hochzuladen. "Für alle, die den Abend verpasst haben, wäre das super!"

© SZ vom 30.05.2020

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