Süddeutsche Zeitung

Neues Angebot in Poing:Bücher aus dem Walbauch

Auf dem Piratenspielplatz eröffnet ein ungewöhnliches Literaturhaus für Kinder

Von David Beer, Poing

Am Piratenspielplatz in der Hechtstraße haben sich viele Kinder versammelt. Manche wollen das Schiff hinaufklettern, von wo aus man sicher eine gute Aussicht auf das anstehende Ereignis hätte. Denn obwohl das schöne Wetter perfekt zum Spielen passt, sind sie mit ihren Eltern aus einem weiteren Grund hierhergekommen, und zwar zum Lesen. An diesem Mittwoch wird in Poing das erste Literaturhaus für Kinder eröffnet, wo sie sich Bücher kostenlos mitnehmen können. Wobei "Haus" eine etwas irreführende Bezeichnung ist - denn die Bücher findet man in den Bäuchen von drei Walen aus Holz, in die die Regale eingebaut sind.

Die drei neuen Bewohner des Platzes enthüllt Bürgermeister Thomas Stark mit Unterstützung einiger junger Helfer. Ein lauter Trommelwirbel erhöht die Spannung; als die Wale dann zu sehen sind, brandet Beifall auf. Der Applaus gilt auch allen jenen, die an dem Projekt mitgearbeitet haben: dem Baubetriebshof, den Patinnen sowie Birgitta Nagel vom Kulturreferat und Muriel Brodbeck, Geschäftsleiterin der Verwaltung.

Mit der Eröffnung der Regale stürzen sich die Kinder sofort auf die Bücher. Innerhalb weniger Minuten sind die Schränke leer. "Der König der Löwen" findet ebenso einen neuen Besitzer wie "Der Grusel-Club". Mit Ausnahme der Lehrbücher wird gleich in der ersten Runde fast alles mitgenommen. Doch die sogenannten Literaturpatinnen, die den Platz betreuen, sind gut vorbereitet. Eine Menge gespendeter Bücher wartet noch in Kartons darauf, die leeren Bäuche der Wale erneut zu füllen.

Die Gemeinde hat mit großem Interesse bereits gerechnet, wie die Vertreter erzählen. Am Marktplatz gibt es schon seit sechs Jahren ein Literaturhaus im echten Sinne, das gut besucht wird. Nach diesem Erfolg entschied sich Gemeinde Poing, ein weiteres speziell für Kinder einzurichten. Denn hier geht die Nachfrage rasch bergauf. Mit 193 Geburten wurde Poing im Jahr 2014 als die "Baby-Boom-Gemeinde" Deutschlands bezeichnet. Die Babys wurden nun Kinder: Laut Bürgermeister Stark gibt es 2639, die zwischen null und zwölf Jahre alt sind. Etwa die Hälfte davon habe einen Leseausweis der Gemeindebücherei.

Auch von dieser Bibliothek sind am Mittwoch zwei Vertreterinnen dabei, Sabine Heidemann und Renate Schlögel. Äußerst begeistert lesen sie auf dem Piratenschiffsdeck vor, mithilfe Soundeffekten und Anschauungsmaterial. Das Buch, das sie ausgesucht haben, ist passenderweise "Pippi Langstrumpf geht an Bord". "Wir wollten den Kindern die Klassiker beibringen, die ihre Eltern schon als Kinder lasen", sagen die beiden. Ihr erstes Ziel sei die Leseförderung. Wenn sie dabei erfolgreich sind, besteht auch die Möglichkeit, dass die Wale selbst Kinder kriegen und weitere Regale gebaut werden.

Alle Kinder dürfen sich die Bücher aus den Regalen der Wale mitnehmen. Sie dürfen sie ausleihen oder auch behalten. Gern können eigene ausgelesene Kinderbücher abgegeben werden, die dann anderen Kindern wieder eine Freude machen.

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Quelle:
SZ vom 18.09.2020
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