Süddeutsche Zeitung

Neue Waffe im Wald:Jetzt bekämpfen die Förster den Borkenkäfer per Handy-App

Befallene Bäume müssen so schnell wie möglich gefunden und gefällt werden. Dafür gibt es nun eine neue Strategie: Die Borkenkäfer-App.

Die Rammelkammer ist das Schlafzimmer des Borkenkäfers. Und der Eingang zu einer eigenen Welt, die sich unter der Rinde auftut: eine fingernagelgroße Kerbe, wo Männlein und Weiblein kürzlich die Familiengründung vollzogen haben. Das sieht man an den Hunderten kleinen Gängen, in denen sich Larven rekeln. Für den Baum gibt es zu diesem Zeitpunkt keine Rettung mehr. Entweder finden ihn die Förster und sägen ihn um. Oder sie finden ihn nicht. Dann saugen ihn die Käfer bis zum letzten Happen aus und fliegen zu ihrem nächsten Opfer.

Im Ebersberger Forst ist in diesen Wochen wie überall in Bayern der Borkenkäfer auf dem Vormarsch. Der heißeste April seit Beginn der deutschen Wetteraufzeichnungen hat die Nadelbäume stark geschwächt. Der Käfer hat es dadurch noch einfacher. Für den Forstbetrieb geht es nun darum, ihn möglichst einzugrenzen - darum, dass nicht zu viele Rammelkammern gebohrt werden. Deswegen muss es jetzt schnell gehen. Im Forst hat der intensive Kampf gegen den Käfer begonnen. Und zwar mit einer neuen Waffe.

Ein Vormittag Mitte Juli, die Sonne taucht die Nadelbäume in warmes Licht. Vögel zwitschern, der Duft von Fichtenzapfen. Die pure Idylle, da ertönt eine Motorsäge zwischen den Zweigen. Sekunden später kracht ein Baum zu Boden. Ihn hat ein Mann entdeckt, der jetzt mit Machete und Smartphone durch den Wald streift. "Man erkennt den Befall am Bohrmehl", sagt er und deutet auf eine kaffeesatzartige Pulverschicht, die sich in der Rinde verfangen hat. Kaum zu sehen, zumal es ja auch irgendwas anderes sein könnte. Doch Andreas Rothe sieht so was. Deswegen ist er hier. Deswegen hat ihn der Forstbetrieb beauftragt. Rothe ist eigentlich Professor für Waldbau, hier ist er nun der Käferdetektiv.

Kein anderes Insekt macht Bayerns Wäldern so zu schaffen. Im Kampf gegen den Borkenkäfer galt stets: befallene Bäume so schnell wie möglich finden, fällen und aus dem Wald schaffen. Das gilt nach wie vor, nur gibt es nun eine neue Strategie: Die Bayerischen Staatsforsten haben eine eigene Borkenkäfer-App fürs Handy entwickelt. Damit soll der ganze Prozess schneller werden. Wenn Käfersucher wie Rothe künftig einen befallenen Baum entdecken, geben sie den Standort per GPS in die App ein. Die Koordinaten können eine Abweichung von bis zu drei Metern haben. Damit die Forstarbeiter dann nicht den falschen Baum fällen, markiert Rothe den Stamm mit einem roten X.

420 neu befallene Bäume innerhalb einer Woche

In der Forst-Zentrale in Hohenlinden verhallt der Klang der Motorsägen. Drinnen sitzt Heinz Utschig, der Leiter des Forstbetriebs. "Der Käfer fährt gerade seine erste Angriffswelle", sagt er. Utschig hat einen Monitor vor sich, auf einer digitalen Karte überblickt er den gesamten Ebersberger Forst. Eingezeichnete Punkte zeigen das ganze Ausmaß. Bis vor kurzem war der Befall noch einigermaßen überschaubar. Zwischen Mitte Mai und Anfang Juli verzeichneten die Käfersucher insgesamt 600 befallene Bäume - sie sind alle gefällt und somit durch gelbe Punkte markiert. Innerhalb einer Woche registrierten sie nun aber 420 neu befallene Bäume auf einen Schlag - gut 300 davon werden gerade abgearbeitet - dafür stehen die orangefarbenen Punkte. 112 Punkte sind rot, die müssen sie sich jetzt vornehmen.

Zurück im Forst, wo in diesen Wochen acht Harvester in Akkordarbeit Käferbäume aus dem Wald ziehen. Unweit der Raststätte B 12 haben die Sucher gerade ein ganzes Käfernest entdeckt. Dort sieht es aus wie auf einem Schlachtfeld: Baumstümpfe, ein Haufen mit zersägten Fichtenstämmen, unter deren Rinde Abertausende Käfer und Larven kriechen. Wie überall im Ebersberger Forst war auch hier der sogenannte Buchdrucker unterwegs, das sieht man an dem Muster, das er im Bast hinterlässt. Die weiche Schicht zwischen Stamm und Rinde ist so etwas Ähnliches wie beim Menschen das Blut. Von der Krone läuft der Zucker, den der Baum aus der Fotosynthese gewinnt, in die Wurzel. Auf diesen Zucker hat es der Käfer abgesehen. Sitzt er unter der Borke, ist die Zufuhr irgendwann gekappt. Dann stirbt der Baum.

Ein Arbeiter lädt jetzt das Käferholz mit einer riesigen Kralle auf einen Holzlader. 20 bis 30 Bäume, die sie nicht mehr retten konnten. Mit dem Holz erzielen die Staatsforsten verglichen mit Privatwaldbesitzern deutlich höhere Preise, das liegt auch an längerfristigen Verträgen, die den Preis sichern. Dennoch verliert das Holz an Wert, wenn durch Notfällungen zu viel auf den Markt kommt, 15 Prozent etwa, erklärt Forstchef Utschig. Er untersucht jetzt mit Käferexperte Rothe einen verdächtigen Baum. Rothe hat das Handy schon gezückt.

Die App hat die Testphase hinter sich. Bis vor einem Jahr haben die Käfersucher befallene Bäume noch per Stift in Papierkarten eingezeichnet. Die Revierförster mussten die Karten einsammeln und mit den Karten der Kollegen zusammensetzen. Erst dann konnten die Arbeiter mit dem Fällen beginnen. Beim Abtransport und Verkauf dann das gleiche Problem: Es war unübersichtlich. Jetzt haben alle Beteiligten Zugriff auf eine digitale Karte, in der alles drin steht. "Vom Finden bis zum Abtransport sparen wir uns dadurch um die drei Tage Zeit", sagt Utschig. Das ist oft entscheidend, weil der Käfer dann noch genügend Futter unter der Rinde findet. Und nicht zum nächsten Baum fliegt und neue Rammelkammern bohrt.

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SZ vom 21.07.2018/koei
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