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Neue Waffe im Wald:420 neu befallene Bäume innerhalb einer Woche

In der Forst-Zentrale in Hohenlinden verhallt der Klang der Motorsägen. Drinnen sitzt Heinz Utschig, der Leiter des Forstbetriebs. "Der Käfer fährt gerade seine erste Angriffswelle", sagt er. Utschig hat einen Monitor vor sich, auf einer digitalen Karte überblickt er den gesamten Ebersberger Forst. Eingezeichnete Punkte zeigen das ganze Ausmaß. Bis vor kurzem war der Befall noch einigermaßen überschaubar. Zwischen Mitte Mai und Anfang Juli verzeichneten die Käfersucher insgesamt 600 befallene Bäume - sie sind alle gefällt und somit durch gelbe Punkte markiert. Innerhalb einer Woche registrierten sie nun aber 420 neu befallene Bäume auf einen Schlag - gut 300 davon werden gerade abgearbeitet - dafür stehen die orangefarbenen Punkte. 112 Punkte sind rot, die müssen sie sich jetzt vornehmen.

Zurück im Forst, wo in diesen Wochen acht Harvester in Akkordarbeit Käferbäume aus dem Wald ziehen. Unweit der Raststätte B 12 haben die Sucher gerade ein ganzes Käfernest entdeckt. Dort sieht es aus wie auf einem Schlachtfeld: Baumstümpfe, ein Haufen mit zersägten Fichtenstämmen, unter deren Rinde Abertausende Käfer und Larven kriechen. Wie überall im Ebersberger Forst war auch hier der sogenannte Buchdrucker unterwegs, das sieht man an dem Muster, das er im Bast hinterlässt. Die weiche Schicht zwischen Stamm und Rinde ist so etwas Ähnliches wie beim Menschen das Blut. Von der Krone läuft der Zucker, den der Baum aus der Fotosynthese gewinnt, in die Wurzel. Auf diesen Zucker hat es der Käfer abgesehen. Sitzt er unter der Borke, ist die Zufuhr irgendwann gekappt. Dann stirbt der Baum.

Ein Arbeiter lädt jetzt das Käferholz mit einer riesigen Kralle auf einen Holzlader. 20 bis 30 Bäume, die sie nicht mehr retten konnten. Mit dem Holz erzielen die Staatsforsten verglichen mit Privatwaldbesitzern deutlich höhere Preise, das liegt auch an längerfristigen Verträgen, die den Preis sichern. Dennoch verliert das Holz an Wert, wenn durch Notfällungen zu viel auf den Markt kommt, 15 Prozent etwa, erklärt Forstchef Utschig. Er untersucht jetzt mit Käferexperte Rothe einen verdächtigen Baum. Rothe hat das Handy schon gezückt.

Die App hat die Testphase hinter sich. Bis vor einem Jahr haben die Käfersucher befallene Bäume noch per Stift in Papierkarten eingezeichnet. Die Revierförster mussten die Karten einsammeln und mit den Karten der Kollegen zusammensetzen. Erst dann konnten die Arbeiter mit dem Fällen beginnen. Beim Abtransport und Verkauf dann das gleiche Problem: Es war unübersichtlich. Jetzt haben alle Beteiligten Zugriff auf eine digitale Karte, in der alles drin steht. "Vom Finden bis zum Abtransport sparen wir uns dadurch um die drei Tage Zeit", sagt Utschig. Das ist oft entscheidend, weil der Käfer dann noch genügend Futter unter der Rinde findet. Und nicht zum nächsten Baum fliegt und neue Rammelkammern bohrt.

© SZ vom 21.07.2018/koei
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