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Neue Technik bei Forstinning:"Besser nass als vergiftet"

Im Ebersberger Forst bekämpfen die Waldarbeiter den Borkenkäfer künftig mit Sprinkleranlagen. Das Wasser soll das Holz konservieren - und dem Schädling die Lebensgrundlage entziehen

Wer dieser Tage durch den Ebersberger Forst bei Schwaberwegen stapft, dürfte sich wundern. Am Heilig-Kreuz-Geräumt hört das idyllische Wäldchen plötzlich auf. Über eine Fläche von knapp vier Fußballfeldern eröffnet sich ein Schlachtfeld aus gefällten Fichten, aufgestapelten Ästen - und einem Harvester, der gefällte Stämme brummend auf einen Laster lädt. Was ist da los im Forst?

Lisa Pausch von den Bayerischen Staatsforsten hält ein Stück Fichtenrinde hoch und deutet auf ihren Erzfeind: den Borkenkäfer. Der findet immer traumhaftere Bedingungen vor: heiße, trockene Sommer, die ihn fröhlich fortpflanzen lassen, Stürme und Schneewinter, die ihn die Bäume wie auf dem Silbertablett vor die Fühler servieren. Diese können gar nicht schnell genug abtransportiert werden, wenn die Forstmitarbeiter nach den zunehmenden Stürmen mit Bäumen vor Sägewerken Schlange stehen. Während der Holzpreis sinkt, fliegt der Käfer fröhlich umher, bohrt sich in Rinden, gründet Rammelkammern und legt in Seitenästen Larven ab.

Es ist ein großer Teufelskreislauf aus ökologischem und wirtschaftlichem Schaden, den die Staatsforsten nun durchbrechen wollen. Deswegen sind im Ebersberger Forst etwa 2,7 Hektar Wald gerodet: Hier entsteht Oberbayerns elftes "Nasslager". Und damit ein Quartier, an dem die umgepusteten Bäume bis zu vier Jahre lang gleich vor Ort gestapelt und von einer Sprinkleranlage befeuchtet werden. Das Wasser soll nicht nur den Holzpreis stabilisieren (Käferholz ist weniger wertvoll), sondern auch das Holz konservieren - und dem Borkenkäfer das Handwerk legen.

Harvester werden im Ebersberger Forst seit vielen Jahren eingesetzt.

(Foto: Christian Endt)

"Besser nass als vergiftet", sagt Linda Madl von den Bayerischen Staatsforsten in Wasserburg. Sie fährt mit dem Finger entlang der Fichtenrinde und erklärt: Das Wasser fließt in das Porensystem des Baumes. Mit dem Sauerstoff entzieht Wasser sowohl Pilzen als auch dem Borkenkäfer die Lebensgrundlage. Er und seine Larven schwemmen auf - und wachen, wenn überhaupt, erst im Käferhimmel wieder auf.

Mit der neuen Kampfansage gegen den Borkenkäfer und dem Ansatz, gutes Holz nicht auf einen schlechten Markt zu schwemmen, folgt man im Forst einer Strategie, die bei den Bayerischen Staatsforsten vor zwölf Jahren eingeläutet wurde. Damals im Jahr 2007 legte Orkan Kyrill riesige Waldflächen um, die so schnell gar nicht abtransportiert werden konnten - über das Holz freuten sich Pilze und Borkenkäfer. Seitdem ploppen überall in Bayern Nasslager auf, mittlerweile gibt es rund 30 Standorte.

Zum Beispiel im 70 Kilometer entfernten Altötting. Dorthin rettete man das Ebersberger Holz auch nach den jüngsten Stürmen "Niklas" und "Eberhard". "Wir wollen aber kurze Wege", erklärt Linda Madl. Nicht das Ebersberger Holz quer durch Bayern fahren, sondern es gleich vor Ort befeuchten und so am Leben erhalten. Borkenmanagerin Lisa Pausch deutet auf eine Karte, den Plan für das Nasslager. Parallel zum Heilig-Kreuz-Geräumt entstehen zwei neue Forststraßen. Entlang dieser soll nach Stürmen Platz für bis zu sieben Stränge Holz sein. Auf der anderen Seite, östlich des Geräumt, will man den Forst noch nicht anfassen, sondern erst den Bedarf ausloten. Im Katastrophenfall wäre hier Platz für drei weitere Stränge. "Wir machen es so klein, wie es irgendwie geht", betont Linda Madl.

Künftig arbeiten Linda Madl (links) und Lisa Pausch vom Forstbetrieb mit einem "Nasslager": Wasser fließt in die Poren des Baums und raubt dem Käfer Sauerstoff.

(Foto: Christian Endt)

Sie blickt über die abgeholzte Fläche. Das Offenland soll als Blühwiese gestaltet werden, Waldbienen und anderen Insekten einen Lebensraum bieten. Gleichzeitig wird hier mit Technik gearbeitet: ein Brunnen, aus dem überdimensionierte Rasensprenger ihr Wasser speisen werden, eine Pumpe, Wasserleitungen. Die Trinkwasserversorgung sei dadurch nicht gefährdet, versichert Madl: Weil der Forst auf einer durchlässigen Schotterebene liegt, versickert das Wasser rasch wieder im Boden und mischt sich mit dem Grundwasser.

Soweit ist man hier aber noch nicht, die Anlage für den Ernstfall soll voraussichtlich im Juli fertig sein. Zwischen 300 000 und 500 000 Euro wird das Projekt dann gekostet haben, schätzt Madl. Den Borkenkäfer ausrotten könne man so nicht, aber immerhin die Stämme vor einem Wertverlust schützen. Erst, wenn es mal wieder gestürmt hat, die Bäume einknicken und der Borkenkäfer ein Festmahl wittert, sollen die Sprinkler angeschaltet werden. Es ist ein Szenario, für das man sich nun gewappnet sieht: "Wir müssen davon ausgehen, dass das Lager voll wird", so Madl.

© SZ vom 27.03.2019
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