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Neue Reihe in Vaterstetten:Göttlicher Soundtrack

Marktkonzert mit Orgel Vaterstetten

Sternstunde bei den "Marktkonzerten" in der Vaterstettener Pfarrkirche: Initiatorin Beatrice Menz freut sich über den Besuch des Weilheimer Organisten Jürgen Geiger (Mitte), der Werke des Komponisten Enjott Schneider aus Vaterstetten zum Besten gibt.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Ein Konzert mit Werken von Enjott Schneider nimmt nach der Sommerpause den Faden der "Marktkonzerte" in Vaterstettens Pfarrkirche kunstvoll wieder auf. Organist Jürgen Geiger erfreut mit herzerfrischender Vollendung

Von Ulrich Pfaffenberger

Auf dem Marktplatz vor der Kirche ist Verkosten angesagt. Die schwarzen Oliven mit Knoblauch oder doch lieber Kalamatta pur? Frischkäse mit Bärlauch oder Radieserl? Aprikosen oder Pfirsiche? Wo so viele Gourmets sich am Gaumen kitzeln lassen, da sollte doch auch noch Raum sein für etwas Ohrenschmaus, dachte sich Beatrice Menz - und rief die "Marktkonzerte" ins Leben. Donnerstags zwischen viertel nach zehn und viertel vor elf servieren sie und befreundete Künstler nun regelmäßig musikalische Kostproben. "Wir haben für die Reihe schon einige Freunde gewonnen: Menschen, die ihren Marktbesuch erweitern, und Menschen, die zum Konzert kommen und dann noch die Gelegenheit zum Einkaufen nutzen", berichtet die Kirchenmusikerin der Vaterstettener Pfarrkirche. Kultur belebt das Geschäft, Geschäft belebt die Kultur - ein kluger Schritt auf der Durststrecke einer pandemisch gebremsten Welt.

Die Sorge der Organistin, die lange Ferienpause könnte den Besuch beim Neubeginn bremsen, bestätigte sich nicht. Gut zwei Dutzend Zuhörer verteilten sich großzügig im Kirchenraum, um dem Gast an der Orgel zuzuhören. Jürgen Geiger, Kirchenmusiker und Musikpädagoge aus Weilheim, bestreitet sein Kurzprogramm mit zwei Kompositionen von Enjott Schneider. Dieser, als Schöpfer von Filmmusiken wie "Schlafes Bruder" sonst in Aufnahmestudios rund um den Globus unterwegs, ist den kurzen Weg von seinem Zuhause in Vaterstetten herübergekommen, um eine Aufführung seiner Stücke "auch einmal daheim zu erleben". Ihn und Schneider verbindet eine enge Freundschaft, die sich zum Beispiel in der Zuwidmung der "Orgelsínfonie Nr. 6 Te Deum" an den Organisten spiegelt, der sie 2008 uraufführte - und am Donnerstag erneut spielt.

Das halbstündige Werk, nicht nur den Satzbezeichnungen nach von Anton Bruckners "Te Deum" inspiriert, ist ein Füllhorn an Gedanken und Gedankenspielen. Es gibt seinen Zuhörern eine Vielzahl an Anknüpfungspunkten an die persönliche Gemütslage und Seelenstimmung, stets aber auf den Zufluss von Energie oder das Weiten der Perspektive ausgerichtet. So eben, wie im Dialog mit "Dir, Gott" die Kraft des Glaubens ihre stärkende Wirkung entfalten darf, wenn man sie denn annehmen will. Der Grundton der fünf Sätze ist fröhlich und zuversichtlich, manchmal spielerisch leicht, manchmal überfließend mit Farben. Da schlägt der Filmkomponist durch, dessen Melodien in diesem Fall nicht Schauspieler durch eine Szene begleiten, sondern suchende Menschen in einen Klangraum versetzen, der ihnen Halt gibt, ohne sie zu anzubinden. Thomas Morus schreibt in seinem berühmten Gebet um Humor: "Schenke mir eine Seele, der die Langeweile fremd ist, die kein Murren kennt und kein Seufzen und Klagen, und lasse nicht zu, dass ich mir allzuviel Sorgen mache um dieses sich breit machende Etwas, das sich ,Ich' nennt." Diese Orgelsinfonie ist der Soundtrack dazu.

Jürgen Geiger verwandelt sich an der Orgel zum Evangelisten, zum Überbringer der frohen Botschaft. Flüssig, sprudelnd, energiegeladen sein Allegro im ersten Satz "Te Deum". Keine Unterwerfung ist hier spürbar, vielmehr der Jubelruf des dankbaren Menschen. Das ist so transparent und aufrichtig, dass sogar Nicht-Christen daran teilhaben können. Auf die ruhenden, sammelnden Momente des zweiten Satzes "Te Ergo" - als "Preghiera", also "Bitte" bezeichnet - lässt er ein umwerfend fantasievolles "Aeterna Fac" folgen. Geistreich hat der Komponist den Ewigkeitsgedanken als "Perpetuum Mobile" bezeichnet; Geiger findet genau die richtigen Register und Tempi, um dieser Bewegung ins Unendliche hinein eine höchst mitreißende Wirkung zu geben. Hier kann man auch diese kindliche Freude noch einmal genießen, an die jene Versatzstücke vom Jahrmarkt erinnern, an Orchestrion und Karussell. Am nächsten dran an Bruckner ist der Waldspaziergang mit Vogelgezwitscher im vierten Satz "Salvum Fac", eine Wanderung durch die Höhen und Niederungen der Schöpfung, bei dem der Organist im Dunkel des Basso Ostinato jene Lichter setzt, die in die Zukunft weisen und die Musik in Sprache verwandeln, Sprache, die schützt, behütet, wärmt. Bevor er dann "In Te, Domine Speravi" seine Zuhörer wieder in die Welt entlässt, dazu das Geplauder am Marktplatz hereinklingen lässt, verflochten mit dem Motiv des "Te Deum", ein kompositorischer Geniestreich, adäquat und mit spannenden Registerwechseln höchst lebendig interpretiert.

So groß das Vergnügen auch ist, Geigers Interpretation der Sinfonie zu erleben, das eigentliche Schmankerl des Vormittags ist das Präludium dazu, Johann Sebastian Bachs Toccata d-Moll "in retrograder Version". Sprich: rückwärts gespielt. Schneider bezeichnet sein "Ataccot" als Kabinettstück, das sich mit keinem anderen Komponisten verwirklich lasse als mit Bach. Wie der begeisterte Applaus am Ende zeigt, aber vermutlich auch mit kaum einem anderen Organisten in dieser herzerfrischenden Vollendung.

© SZ vom 11.09.2020

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