Neue Prognosen Arme Alte

Derzeit beziehen 311 Menschen im Landkreis Grundsicherung im Alter - Tendenz steigend.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Die Zahl der Senioren im Landkreis, deren gesetzliche Rente zum Leben nicht ausreicht, wächst - langsam, aber stetig. Laut einer Studie könnten in Zukunft noch deutlich mehr Menschen Grundsicherung beziehen

Von Johanna Feckl, Ebersberg

Dass der Landkreis Ebersberg floriert, ist kein Geheimnis: Die Angestelltenverhältnisse werden mehr, die Arbeitslosen weniger, die Kaufkraft steigt und auch Touristen strömen immer mehr in die Region. Das zeigen nicht zuletzt die Ergebnisse der jüngsten Erhebung aus dem Jahr 2017 der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu strukturellen Faktoren, die im Februar veröffentlicht wurden. Aber: Es boomt nicht auf allen Ebenen. Denn die Zahl der Landkreisbewohner ab 65 Jahren, die auf Grundsicherung im Alter angewiesen sind, nimmt zu. Laut einer Prognose der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) Region München würden sogar 39 Prozent aller Arbeitnehmer - so, wie sie heute arbeiten - eine Rente unterhalb der staatlichen Grundsicherung bekommen.

Die NGG hat das ISP Eduard Pestel Institut für Systemforschung in Hannover beauftragt, aktuelle amtliche Statistiken auszuwerten und aus diesen Daten eine Renten-Analyse zu erstellen. Das Ergebnis: Etwa 18 000 Beschäftigte würden nach 45 Arbeitsjahren in die Grundsicherung abrutschen, das sind die bereits erwähnten 39 Prozent. Das Institut kalkuliert dabei mit 857 Euro pro Monat, bestehend aus dem aktuellen Satz für Grundsicherung von 424 Euro für ledige Personen, plus Kosten für Wohnung und Heizung.

Nach Einschätzung des Instituts könnte es noch schlimmer kommen: Aktuell hat die Bundesregierung das Rentenniveau von 48 Prozent des Einkommens lediglich bis zum Jahr 2025 gesichert. Danach könnte es sinken. Sollte die durchschnittliche Rente bis zum Jahr 2030 auf nur noch 43 Prozent des Einkommens abfallen, dann gäbe es mehr als 21 000 Menschen, die nach 45 Beitragsjahren eine Rente unterhalb der Grundsicherung erhalten. Sogar unter Vollzeitbeschäftigten hat nach 40 Arbeitsjahren aktuell fast jeder Dritte einen Rentenanspruch von weniger als 1000 Euro monatlich. So prognostiziert es die Forschungseinrichtung für den Landkreis.

Eine Nachfrage beim Pestel-Institut ergibt, dass bei der Kalkulation der Daten auf die Entgeltstatistik der Agentur für Arbeit aus dem Jahr 2017 zurückgegriffen wurde - ohne Berücksichtigung von Auszubildenden und deren vergleichsweise niedrigen Einkommen. Auch Erträge aus Vermietungen und Verpachtungen, betriebliche und private Vorsorgen sowie Einkommen von Partner oder Partnerin seien demnach nicht in die Berechnungen mit eingeflossen.

Ein Blick in Gegenwart und Vergangenheit bestätigt aber den Trend, den das Pestel-Institut vorhersagt: Laut Zahlen vom Landratsamt sind die Rentner, die Grundsicherung beziehen, mehr geworden. Bis zum März haben im aktuellen Jahr 311 Personen Grundsicherung im Alter erhalten. Bezogen auf die 26 797 Landkreisbewohner, die 65 Jahre oder älter sind (Stand 31. Dezember 2018) macht das einen Anteil von 1,16 Prozent aus. Ein Vergleich mit den Jahren 2015 und 2010, wo es 1,13 Prozent (290 Bezieher bei 25 646 Menschen ab 65) und 0,9 Prozent (217 Bezieher bei 24 050 Menschen ab 65) waren, zeigt die zunehmende Quote der Bezieher: Relativ entspricht das einem Anstieg von etwas mehr als 28 Prozent innerhalb von neun Jahren.

Die Daten zeigen auch: Auf Grundsicherung sind mehr Rentner als Nicht-Rentner angewiesen. 2010 waren 64 Prozent 65 Jahre oder älter, 2018 waren es knapp 70 Prozent. Und: Dass die Rente zu gering zum Leben ist, betrifft mehr Frauen als Männer, aber die Differenz schrumpft. 2019 waren es bislang in 52 Prozent der Fälle Rentnerinnen, die Grundsicherung erhielten. Im Jahr 2010 waren es 59 Prozent.

Ob die Menschen im Landkreis, die derzeit auf Grundsicherung angewiesen sind, den vollen Leistungssatz erhalten, oder ob sie die eigene gesetzliche Rente aufstocken, wertet das Landratsamt nicht aus. Auch gibt es keine Auflistung, in welcher Altersgruppe ab 65 Jahren die meisten Menschen betroffen sind. Äußerungen über die Entwicklung, ob und wie sehr der Trend anhalten wird, trifft die Behörde nicht. Auch bei der Frage, ob und wie viele Senioren einen Anspruch auf diese finanzielle Unterstützung nicht geltend machen, hält sich das Landratsamt bedeckt. "Dazu existieren keine Prognosen", lautet die Antwort.

Zumindest bei dem Verzicht auf Grundsicherung, obwohl ein Anspruch darauf bestünde, scheinen sich viele Experten einig zu sein. So schreibt Armutsforscher Christoph Butterwegge in seinem Buch "Armut im Alter" aus dem Jahr 2012, dass "die Dunkelziffer derjenigen Personen extrem hoch sein dürfte, die trotz einer Kleinstrente keinen Antrag stellen". Als Grund nennt der Wissenschaftler Unwissen darüber, dass es Grundsicherung im Alter überhaupt gibt oder dass diese Leistung einem zusteht, oder weil viele "den Weg zum Sozialamt scheuen oder weil sie aus Unkenntnis den Unterhaltsrückgriff auf ihre Kinder und Enkel fürchten".