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Neue CD in Arbeit:Wohlklingendes Familienunternehmen

Himpsl Brass Trio dahoam

Brass Trio im Viereck: Die Himpsl-Brüder Franz jr. und Xaver (von links) sowie Vater Franz Josef Himspl mit ihren Blasinstrumenten.

(Foto: Jan Scheffner/oh)

Die Himpsls, die das Gros der "Unterbiberger Hofmusik" stellen, können trotz Konzertflaute viel zusammen spielen

Ein nicht zu unterschätzendes Charakteristikum dieser großen Krise ist es, dass sie im Kleinen manch positiven Nebeneffekt zeitigt. Jenseits von besserer Luft, blauerem Himmel und intensiverem Vogelgezwitscher entdecken die einen etwa den Zauber des Lesens wieder, die anderen den Unterhaltungswert von Brettspielen. Wiederum andere, wie schön es sein kann, einem bedürftigen Nachbarn zu helfen oder auf Balkonen zu singen. Xaver Himpsl spielt jetzt besser Trompete.

Der gebürtige Münchner, Mitglied der Unterbiberger Hofmusik, hat in den vergangenen Wochen die Zeit genutzt, fleißig geübt und einmal andere Stile gespielt als sonst, was in einer Verfeinerung seiner Spieltechnik mündete. "Ich bin um einiges besser geworden", sagt er. Was ihm dabei geholfen hat: Er hat nicht allein geübt, sondern im Zusammenspiel mit seinem Vater Franz Himpsl (Trompete) und seinem jüngeren Bruder Franz Himpsl junior (Horn). Alle leben in einem großen Haushalt, auf dem Familienhof im Neubiberger Ortsteil Unterbiberg, zusammen mit Irene Himpsl, Xavers Mutter, die im Ensemble Akkordeon spielt. Ohne sie haben die anderen drei kürzlich als Himpsl Brass Trio ein Online-Konzert im Moosacher Pelkovenschlössl gegeben, auf dem Programm standen Beethoven, Mozart und Gershwin. Für die Protagonisten, die als Vertreter der Neuen Volksmusik gewöhnlich traditionelle bayerische Töne mit türkischen, arabischen oder jazzigen Klängen und Rhythmen kombinieren, eine befruchtende Erfahrung. "In der Klassik hast du mal wieder mehr schöne Melodien und weniger den treibenden Rhythmus", sagt Xaver Himpsl und lacht.

Die Möglichkeit, mit Familienmitgliedern musizieren zu können, empfindet er als Privileg. Auch ansonsten hat er, im Gegensatz zu vielen anderen freien Künstlern, das Glück, zuhause zu wohnen, während andere weiterhin Miete zahlen müssen, wie etwa der mittlere Himpsl-Bruder Ludwig, der in Herrsching lebt. Denn bei allen kleinen Vorteilen - natürlich ist die Coronakrise für freie Kreative eine (finanzielle) Belastung. Die Hofmusik, ein Schlüsselensemble der Neuen Volksmusik, ist eine tolle Liveband, bis Herbst aber sind alle Konzerte abgesagt respektive verlegt worden. Selbiges gilt für viele andere Gruppen und Solisten, die ihre Auftritte nachholen wollen. "Es sind ja ganz viele Gigs auf nächstes Jahr verschoben worden", so Himpsl, "ich bin gespannt, wie das wird, weil sich ja alles ziemlich ballt."

Die Situation, in der sich zahlreiche existenziell gefährdete Kulturschaffenden befinden und ihr Standing in der Politik, wo andere Bereiche mit größerer Lobby stärker beachtet werden, sieht er mit Sorge. Dabei sei es eine Riesenbranche, an der "unglaublich viele mehr" hängen, als nur die Aktiven auf der Bühne. Nun, die bayerische Staatsregierung will Künstlern ja finanziell mit monatlich 1000 Euro für drei Monate helfen - wenn sie in der KSK sind. Was aber am Ende wie viel wert ist, wird sich zeigen. "Gesellschaftliche Normen verändern sich in Krisen", erklärt Xaver Himpsl. Er findet indes auch, dass etliche Musiker zu sehr auf Streaming und (kostenlose) virtuelle Events setzen. "Es gibt eine gewisse Panik unter manchen Musikern, dass man sie sonst vergisst."

Er freut sich vielmehr auf die ersten richtigen Konzerte mit den Unterbibergern, die ja nicht nur musikalisch versierte Grenzüberschreiter sind, sondern auch geografisch: Tourneen führten sie in viele Weltgegenden - von der Türkei über Nordafrika bis Indien oder Zentralasien. Eine für 2021 geplante Konzertreise in die Mongolei fällt wegen Corona flach, soll aber 2022 realisiert werden. Der nächste Konzerttermin noch in diesem Jahr (unter Vorbehalt): ein Auftritt am 18. Oktober in Neubiberg. Bis dahin arbeiten sie an einer CD ihrer Kompilation für den Anfang des Jahres verstorbenen brasilianischen Jazztrompeter Claudio Roditi. Sie wird wohl im Sommer 2020 erscheinen und kann bereits vorbestellt werden (https://www.unterbiberger.de/hofladen/).

Der im Alter von 73 Jahren verstorbene Roditi, ein internationale Jazz-Größe, war ausschlaggebend für die Entwicklung der Unterbiberger. "Er ist schuld" sagt Xaver Himpsl und lacht. Vater Franz Himpsl wurde erst durch den Brasilianer, den er Anfang der Neunziger kennen lernte, ernsthaft animiert, die ersten Crossover-Schritte zwischen Volksmusik und Jazz zu wagen. "Ohne Claudio hätte es diese Band nie gegeben", erklärt Xaver Himpsl. Er selber hat schon als sechsjähriger Knirps von dem Jazztrompeter, der für seinen warmen, lyrischen Ton bekannt war, gelernt. "Ich habe unbewusst was mitgenommen, von seiner Art zu spielen." Ein für Mai geplantes Gedenkkonzert für Roditi in den USA ist ausgefallen, dafür soll es im Herbst in Leoni am Starnberger See ein Release-Konzert für die neue CD geben. An dem bislang letzten Album der Hofmusik "Dahoam und retour" war der Brasilianer ausnahmsweise nicht beteiligt - sie wurde 2018 bei einem Konzert in Taufkirchen aufgenommen. Im Februar 2020 wurde sie in die Bestenliste des Deutschen Schallplattenpreises aufgenommen, eine Auszeichnung, die Xaver Himpsl besonders stolz macht. "Man sagt, das sei der deutsche Grammy."

In der Begründung der Jury heißt es: "Die Unterbiberger Hofmusik hat sich noch nie damit zufrieden gegeben, was im Alpenland an Tönen zu finden ist. Das erweiterte Familienunternehmen Himpsl verspricht Dicke-Backen-Musik mit ordentlich Drive." In der Tat ist es mitreißend, wie sich etwa erst bayerische Polkatöne in vertrauter Beschwingtheit ins Ohr schmeicheln, um dann virtuos in arabische Klangwelten und Rhythmik überzugehen. Und könnte gut sein, dass der ein oder andere Himpsl bei der nächsten Aufnahme noch virtuoser spielt.

© SZ vom 11.05.2020

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