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Poinger Plattenlabel:Inspiration und Ermutigung durch Musik

Matthias Lutzweiler
Geschäftsführer Naxos Deutschland

Label-Chef Matthias Lutzweiler.

(Foto: Veranstalter)

Matthias Lutzweiler, Chef des Klassik-Labels Naxos, sorgt sich um seine Branche

In Poing ist eines der größten Plattenlabels für Klassik zuhause: "Naxos". Geschäftsführer Matthias Lutzweilerhat nun mit einer sehr emotionalen E-Mail für Aufsehen in der Kulturszene gesorgt.

Lutzweiler appelliert an die Bürger, die lokalen Händler der Musik- und Kulturszene zu unterstützen.

SZ: Was hat Sie zu dieser "persönlichen Nachricht" veranlasst?

Matthias Lutzweiler: Kommunikation ist das A und O. Als Unternehmen liegt uns viel daran, unseren Partnern mitzuteilen, was wir machen, was wir planen, wie es uns geht. Da war mir nicht nach ein paar Standard-Zeilen im Business-Deutsch, da wollte ich neben den Fakten auch Emotionen ansprechen. Zumal wir durch die internationale Aufstellung von Naxos in mehr als 20 Ländern früh gemerkt haben, was da auf uns zurollte - ich bin regelmäßig in Asien und habe die beginnenden Lockdowns in Hongkong erlebt.

Ihre Mail enthielt auch einen Appell an Journalisten, mehr über Musik zu schreiben, damit sich die Menschen CDs kaufen. Das riecht sehr nach Vertriebs-Ankurbelung...

Ich hatte dabei nicht den Umsatz von Naxos im Blick. Sondern die vielen Fachgeschäfte und kleinen Online-Händler, bei denen es jetzt ums Überleben geht. Ihretwegen sollen sich die Menschen Musik ins Haus holen. Außerdem sind die spezialisierten Händler gerade die beste Quelle. Die wollen wir konkret unterstützen, etwa mit verlängerten Zahlungszielen, Sonderaktionen oder Gratis-Streams. Amazon dagegen konzentriert sich gerade auf essenzielle Waren wie Druckerpatronen. Da bekommen Sie aktuell bei einer CD Lieferzeiten für Ende April angezeigt.

Ist Musik nicht ein Luxus?

Das ist, wenn wir es kulturgeschichtlich betrachten, Toilettenpapier auch. Im Ernst: Musik ist Teil unseres Daseins. Sie trägt unsere Kultur, sie spricht uns an, wo Sprache verstummt. Wer das als Luxus bewertet, der ebnet im Lockdown den Weg dafür, dass Kulturerbe zerstört werden kann: die Opernhäuser, Theater, Bühnen, Labels et cetera - es wird viel schwieriger werden, diese wieder aufzubauen als etwa die Gastronomie. Da trägt der Kauf von Tonträgern oder das Streamen von Musik wenigstens dazu bei, dass die Künstler etwas Geld verdienen. Außerdem ist Musik gut für die Gesundheit.

Wie das?

Ich habe das selbst neulich erlebt. Nach einem stressigen Arbeitstag war ich geradezu niedergeschlagen von den vielen Einschlägen, die tagsüber bei mir angekommen sind. Ich habe mir dann eine Platte aufgelegt und mich ganz der Musik gewidmet. Das dauert ein paar Minuten, dann ist die Wirkung überwältigend. Es nimmt den Druck raus. Meine Empfehlung ist klar: Hören Sie mit Ihren Kindern oder Partnern bewusst Musik, konzentriert, ohne Ablenkung, lassen Sie sich inspirieren, ermutigen und trösten.

Sie können derzeit nirgendwo Musik aufnehmen. Was bedeutet das für die Zukunft? Weniger Neuerscheinungen?

In einem großen Haus wie Naxos haben wir hunderte von Einspielungen in der Pipeline, da machen wir uns keine Sorgen. Aber die kleinen, die unabhängigen Labels: Für die kann eine abgebrochene Produktion das Ende bedeuten.

Da rettet dann wohl auch die staatliche Soforthilfe nichts mehr?

Allen Vorurteilen und allem zur Schau getragenen Glanz einiger Stars zum Trotz: Gerade in der Klassik steht das Einkommen von Künstlern im direkten Gegensatz zum edlen, hehren Image. Wir freuen uns daher über jede Initiative, sei es ein Online-Auftritt, sei es der Hinweis, dass auch lokale Musik- und Buchhändler, zum Beispiel bei mir in Baldham, nach wie vor Bestellservice anbieten und sogar teilweise an die Haustüre liefern.

Erwarten Sie eine künstlerische Aufarbeitung der Corona-Krise?

Das wird mit Sicherheit geschehen. Große Krisen stoßen immer die Kreativität an. Das war im Barock so, das war in der Nachkriegszeit so. Hoffnung, Trauer, Sehnsucht, Unterdrückung - das sind starke Motive. Genauso das Erkennen der guten und der schlechten Seiten der Menschen. Ob daraus eine Sinfonie wird, kann ich nicht abschätzen. Aber wenn sich die Freiheit wieder Bahn bricht, ist das sicher Anlass für eine Neuauflage der "Ode an die Freude".

© SZ vom 04.04.2020

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