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Nachwuchsautorin aus Wasserburg:Ein Schatten, der Trost spendet

Celine Deschl, Preisträgerin bei einem Literaturwettbewerb für Menschen mit Assistenzbedarf, 
Stiftung Attl

Taschentuchalarm: Celine Deschl hat eine Geschichte über Freundschaft geschrieben.

(Foto: Franziska Langhammer/oh)

Celine Deschl erhält Literaturpreis für Menschen mit Assistenzbedarf

Von Franziska Langhammer, Wasserburg

Manchen Menschen kommen die besten Ideen kurz vor dem Einschlafen, oder beim Sport. Celine Deschl braucht dazu nur ein Blatt Papier und einen Stift. Dann schreibe sie los, erzählt sie, weiß selbst oft nicht, woher die Einfälle kommen. Einen ziemlich genialen Einfall hatte sie vor einigen Monaten, in einer Zeit, in der ihr vor allem eines war: langweilig. Corona zwang die 21-Jährige, in ihrer Wohngruppe im Landkreis Rosenheim zu bleiben und sich wochenlang die Zeit zu vertreiben. "Wir durften nicht arbeiten", erzählt sie, "nur spazieren gehen, das war's." Dabei geht die junge Frau so gern zur Arbeit: Das Ernten macht ihr Spaß, mit dem Bulldog rauszufahren, die Landschaft zu genießen. Seit zwei Jahren ist sie in der Attler Gärtnerei vor den Toren Wasserburgs tätig, die auch Menschen mit Assistenzbedarf beschäftigt. "Meine Kollegen, meine Arbeit - alles hat gefehlt", erinnert sich Celine Deschl.

In dieser Zeit der Langeweile, die sie sich mit Häkeln und dem Legen von Mosaiksteinen vertreibt, erzählt ihr ein Ausbilder vom Literaturwettbewerb des Bielefelder Vereins "Die Wortfinder". Seit zehn Jahren will dieser Verein das kreative Schreiben und die Literatur von besonderen Menschen und Menschen in besonderen Lebenslagen fördern. Das diesjährige Motto der Ausschreibung hieß "Licht und Schatten, hell und dunkel, Tag und Nacht". Die Begeisterung bei Celine Deschl auf diesen Vorschlag hin hält sich erst mal in Grenzen. "Ich habe noch nie einen Wettbewerb gewonnen", sagt sie. "Ich dachte, ich werde diesmal bestimmt auch verlieren." Aber als Zeitvertreib war ihr dann doch alles willkommen.

Deschl, die auch sonst gerne mal in ihrer Freizeit Geschichten für sich schreibt, setzt sich an den Tisch und formuliert an nur einem Tag die Kurzgeschichte "Eine Freundschaft mit einem Schatten". Diese erzählt von einer jungen Frau, die bei einem Autounfall ihre beste Freundin verliert. In den Wochen danach begleitet sie ein Schatten, der nicht der ihre ist: "Ich wohne alleine, keine Eltern, die mich besuchen, nur ein Schatten kommt jeden Tag und manchmal auch nachts", heißt es in der Geschichte. Mit der Zeit stellt sich heraus: ihre Freundin ist der Schatten und kommt als neuer, stiller Begleiter. Hoffnung schimmert durch die Zeilen, die stellenweise auch düster sowie todtraurig anmuten - und gleichzeitig seltsam tröstlich wirken.

Wenige Wochen später erreicht Celine Deschl eine E-Mail: Sie hat mit ihrer Geschichte einen Preis gewonnen. Mehr als tausend Beiträge wurden eingereicht; die Geschichte vom Schatten der Freundschaft überzeugte die Jury. "Ich wusste nicht, ob ich schreien, lachen, oder heulen soll", erzählt die junge Frau. "Ich war sehr stolz." Seitdem sie die Nachricht von ihrer Auszeichnung erhalten hat, erreichen Celine Deschl viele Interviewfragen, auch das Regionalfernsehen hat schon einen Beitrag über die junge Autorin produziert. Auch einem Freund, erzählt Deschl, habe sie die Geschichte geschickt; daraufhin habe dieser geantwortet: "Du hättest auch ein Taschentuch mitschicken sollen."

Dass sie weiterhin schreiben wird, davon ist Celine Deschl überzeugt. Normalerweise findet zum Literaturwettbewerb der Wortfinder eine Preisverleihung statt, die musste dieses Jahr wegen Corona gecancelt werden. Doch bei Celine Deschl ist mittlerweile das versprochene Überraschungspaket des Vereins angekommen, darin eine Urkunde, ein Kalender und ein Hörbuch mit allen Beiträgen. Außerdem wird ihre Kurzgeschichte in einem literarischen Wandkalender für das Jahr 2021 erscheinen.

© SZ vom 06.10.2020

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