Seit sieben Jahren steht der Braunbrustigel auf der Roten Liste, die alle gefährdeten Säugetiere in Bayern enthält. Er hätte also jeden Schutz verdient. Trotzdem sorgt eine neue Gefahr für zunehmend schwer verletzte und tote Igel: der Mähroboter. Diesem sagt der Bund Naturschutz Ebersberg (BN) nun den Kampf an: Er fordert ein Nachtfahrverbot für die Gartengeräte im ganzen Landkreis. Von 19 bis sieben Uhr sollen die automatisierten Rasenmäher ausgeschaltet bleiben, sonst droht ein Bußgeld von bis zu 1000 Euro.
Diese Regelung zu erlassen: Darum geht es in einem Antrag, den die Kreisgruppe des BN nun an alle 21 Ebersberger Kommunen richtet. Um das zu verkünden, hat der BN-Vorsitzende Josef Biesenberger nun erstmals zu einer Presseveranstaltung eingeladen. So wichtig sei ihm das Anliegen, sagt er. „Wir sind Fürsprecher für den Igel, da er selbst recht leise ist“, so Biesenberger. Normalerweise setze sich der BN dafür ein, den Lebensraum von Igeln zu erhalten und naturnahe Gärten zu fördern, ergänzt Regina Wegemann, die Geschäftsführerin der Kreisgruppe. Bei diesem Antrag hingegen gehe es um Mitleid und Empathie für die leidenden Tiere.
Kein Fluchttier: Der Igel ist dem Mähroboter schutzlos ausgeliefert
Für einen Igel ist ein selbstfahrender, unbeaufsichtigter Mähroboter eine echte Gefahr. Er kann sich trotz seines Stachelpelzes kaum gegen derlei Feinde wehren. Der Igel ist kein Fluchttier, er läuft vor einer Bedrohung nicht weg, sondern harrt entweder aus und wartet ab oder er rollt sich zusammen. Treffen Igel und Roboter auf einer Wiese aufeinander, kann das deshalb schnell tödlich enden. Zwar sind die Rasenmäher mit Sensoren ausgestattet, doch die sind häufig gestört oder erkennen die kleinen Tiere nicht. Dann werden die Igel überrollt, geraten mit ihrem Körper zwischen die Messer. Das verursacht schwere Verletzungen, die etwa die Hälfte der Tiere nicht überleben.
Immer öfter bekommen die ehrenamtlichen Igelpfleger und Pflegerinnen im Landkreis Tiere mit einer verletzten Pfote, mit Schnittwunden und gar halb skalpierten Körpern zu sehen. Monika Tanzer von der Igelhilfe Kirchseeon hat Fotos zum Pressetermin mitgebracht, eines von einem Tier, das den Kontakt mit einem Mähroboter nicht überlebt hat. Von einem weiteren Opfer war das Vorderbein nicht mehr zu retten. „Die Fälle haben ein extremes Ausmaß angenommen“, sagt auch Igelpflegerin Miriam Sethapakdi. Doch kein Wunder, denn der Mähroboter liegt laut BN stark im Trend, die Geräte würden stetig beliebter.

Für verletzte oder abgemagerte Igel stellt der Bund Naturschutz schon lange ein Igel-Netzwerk bereit. Denn neben Mährobotern und Gartenwerkzeugen leiden die Tiere unter dem Mangel an Lebensraum und artgerechter Ernährung. Durch den Insektenschwund fehlt den Igeln eine Hauptnahrungsquelle, das führt zu Parasitenbefall und nicht ausreichendem Winterspeck, um die kalten Monate im Schlaf zu überstehen. Zu dem Igel-Netzwerk gehören im ganzen Landkreis Ebersberg ehrenamtliche Helfer und Helferinnen, die sich um die Tiere kümmern. Die meisten von ihnen arbeiten auch mit Tierärzten zusammen. Was sie außerdem vereint: „Alle Igelpflegestellen sind inzwischen überlastet und am Limit“, sagt Biesenberger. Denn ein von einem Roboter schwer verletzter Igel binde Kapazitäten, zeitliche und finanzielle, über viele Wochen hinweg.
Mit Blick auf den nun entworfenen Antrag an die Kommunen des Landkreises spricht BN-Geschäftsführerin Wegemann von einer „Minimalforderung“. Schließlich gebe es überhaupt keinen vernünftigen Grund, einen Mähroboter sein Werk in der Nacht verrichten zu lassen, sagt sie. Ihr Kollege Biesenberger wiederum erklärt, dass es ihm lieber wäre, so eine Forderung gar nicht erst aussprechen zu müssen. Doch Hinweise wie „lasst das Gras ein wenig länger wachsen“, „schafft im Zaun Durchlässe für Igel“ oder „passt auf bei der Gartenarbeit“ seien alleine offenbar nicht mehr ausreichend. Es sei an der Zeit, dass sich wirklich was ändere. „Es gab lange genug freundliche Appelle“, sagt Wegemann.

Da der BN-Vorsitzende Biesenberger selbst Stadtratsmitglied in Grafing ist, kennt er sich mit den Hürden aus, die es auf dem Weg zum Einreichen eines erfolgreichen Antrags gibt. Was er schon mal sagen kann: Dies sei der kürzeste Antrag, den er je gesehen habe. Die Forderung an die Kommunen ist in lediglich zwei Zeilen formuliert.
Unterstützung findet das Anliegen des BN bereits beim Tierschutzverein Landkreis Ebersberg, dem Verein für Gartenbau und Landespflege Ebersberg, der Kreisgruppe Ebersberg des Landesbunds für Vogel- und Naturschutz, dem Verein Eigenheimer Grafing-Ebersberg und Umgebung sowie der Agenda-Gruppe Natur der Stadt Ebersberg. Trotzdem möchte Biesenberger vorerst „lieber den Ball flach halten, was die Erwartungen angeht“. Jeder Stadt- und Gemeinderat muss schließlich seine eigene Entscheidung treffen.
In einer Brandenburger Gemeinde wurde der Antrag bereits umgesetzt
Was dem Ebersberger BN Hoffnung verleiht: In einer Gemeinde in der Nähe von Potsdam wurde das Nachtfahrverbot für Mähroboter bereits in die Tat umgesetzt. Im März ist es dort in die Ordnungssatzung als Lärmstörung aufgenommen worden. Und laut Biesenberger war der Vorschlag in diesem Gemeinderat gut angekommen: Einstimmig wurde damals für den Antrag gestimmt. Von 20 Uhr abends bis sieben Uhr in der Früh darf in Nuthetal nun kein Mähroboter mehr fahren.
Außergewöhnlich an dem Antrag des Ebersberger BN sei auch, sagt Biesenberger, dass er von einem unabhängigen, politisch neutralen Verein gestellt werde. Als erste Kreisgruppe, die ein solches Anliegen in die Gemeinderäte in Bayern bringe, wolle sie auch für das ganze Bundesland etwas erreichen. Dem Vorsitzenden jedenfalls ist wichtig: „Der BN spielt hier ,Advocatus Arbnorae’ – die Stimme für den Igel, der durch die rasant steigenden Verkaufszahlen der Mähroboter in die Enge getrieben wird.“

