Trauer um Manfred Bergmeister Das Rampenlicht ist etwas für die Eitlen

Mit 18 Jahren schicken die Nazis Manfred Bergmeister an die Front. Er hat Glück und überlebt in britischer Kriegsgefangenschaft. Später prägt er Ebersberg wie kaum ein Anderer.

(Foto: Renate Schmidt)

Mit seinen Urkunden und Medaillen schmückte er sich nie. Manfred Bergmeister ging es immer um Tiefgründiges. Nun ist der Kunstschmied, frühere Stadtrat und Ehrenbürger von Ebersberg mit 91 Jahren gestorben.

Ein Nachruf von Thorsten Rienth, Ebersberg

An einem Abend vor etwa 40 Jahren sieht es für Manfred Bergmeister nach einer Niederlage aus. Im Stadtrat geht es ums alte Forstamt. Bergmeister redet, argumentiert, wettert - doch 17 von 20 Stadträten stimmen für den Abriss des Klenzebaus. Noch in der Nacht greift er zu Stift und Papier. Mit dem fertigen Brief setzt er sich ins Auto. Und wirft den Umschlag in den Postkasten der Münchner Staatskanzlei. Zwei Tage später telegrafiert Franz Josef Strauß: "Danke, Forstamt wird nicht abgerissen." Das ist der Manfred Bergmeister, wie ihn die Ebersberger kannten, engagiert und selbstlos, aber auch störrisch - niemals streitsüchtig, aber wenn es darauf ankam: streitbar. Am Dienstag ist der Ebersberger Ehrenbürger im Alter von 91 Jahren gestorben.

In einer kleinen Hütte hinter dem Ebersberger Bahnhof gründet Manfred Bergmeister Mitte der 1950er Jahre seine Metallkunstschmiede. Spätestens in den 90er Jahren ist er ein Künstler von Weltrang: Von Australien bis Nordamerika stehen seine Werke, wie kein anderer macht er gestaltetes Eisen salonfähig.

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Ebersberg

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Die öffentliche Hand dankt es ihm mit unzähligen Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz. Papst Johannes Paul II. macht ihn zum Komtur des Silvesterordens. Mit großem Feingefühl habe Bergmeister angewandte Kunst aus Metall in historische kirchliche Bauten eingefügt, lobt der frühere Kardinal Friedrich Wetter in der Laudatio. Dazu müsse man sich ja nur die neuen Kirchengitter der Münchner Frauenkirche anschauen.

Mit Urkunden, Medaillen und Orden schmückt sich Bergmeister indes nie. Stets geht es ihm um Tiefgründigeres: Etwa die Sinnlosigkeit der Anwendung von Gewalt in geschmiedetes Metall umzusetzen. Werke zu schaffen, die Zerstörung und Krieg stilisieren, aber zugleich auch für Versöhnung und Wiederaufbau stehen können, zum Beispiel an den Eingängen von Soldatenfriedhöfen.

Deren Tore, ein Zaun, eine kleine Tafel - oft sind es die vermeintlichen Nebensächlichkeiten, die Manfred Bergmeister als Künstler genauso herausfordern wie als Humanist. Das Rampenlicht sei etwas für die Eitlen, sagt er einmal. Er gehöre in die Schmiede.

Manfred Bergmeisters künstlerisches Dasein ist immer auch ein Ringen mit der Vergangenheit. Und daraus gespeist auch eines mit der Sorge um die Zukunft. Er befindet sich zufällig in Dänemark im Urlaub, als ihn ein Anruf vom deutschen Soldatenfriedhof in Kopenhagen erreicht: Neonazis hatten ein Hakenkreuz in ein meterhohes Bronzekreuz geritzt.

"Aus dem nächsten Hakenkreuz mach' ich ein Fenster!"

Bergmeister fährt hin, schaut und ruft in der Schmiede an. Gibt die Maße durch und bestellt ein Metallplättchen mit der Aufschrift "14 - 18". Als es per Eilpost ankommt, schraubt Bergmeister es unter das Plättchen "39 - 45". Bevor er nach Hause fährt, klebt er noch einen Zettel ans Kreuz: "Aus dem nächsten Hakenkreuz mach' ich ein Fenster!" Solange, bis auf dem Kreuz voller Fenster kein Platz mehr für Hakenkreuze ist.

Das unkonventionelle Zeichen gegen Faschismus ist kein Zufall. Mit 18 Jahren schicken ihn die Nazis an die Front. Er hat Glück und überlebt in britischer Kriegsgefangenschaft. Die wirkliche Initialzündung für die Kriegsgräberfürsorge aber ist ein Kunstwettbewerb: 1958, in Costermano am Gardasee, darf Bergmeister das Hochkreuz für den Soldatenfriedhof fertigen. Eine Szene vergisst er nie mehr: 4000 Särge aus kleineren Friedhöfen werden nach Costermano gebracht. "Am meisten berührt hat mich, dass fast alle mein Jahrgang waren." Der Anblick prägt ihn.

Nach dem Krieg ist er es, der seine Heimatstadt prägt. Vom Jahr 1960 an für 36 Jahre als Stadtrat. Als Gegenentwurf eines politischen Mitläufers. Ausgestattet mit der Fähigkeit, im Kopf stets ein paar Jahrzehnte weiter blicken zu können als der Rest, sind seine Gedankengänge allgegenwärtig. Im Bau des Waldsportparks. Im Entwurf des neuen Friedhofs.

Auch den heutigen Theaterhof würde es kaum geben, hätte Manfred Bergmeister nicht einst im Handstreich eine Veränderungssperre für den Klosterbauhof durch den Stadtrat gepokert. "Sonst wäre da vielleicht noch so ein scheußliches Gebäude wie die Post hingestellt worden", ätzt er.

Wem, wenn nicht ihm, sollte man die Ehrenbürgerwürde verleihen?

Und wie pedantisch er trotzdem bei Details sein konnte: Wehe, jemand goss irgendwo billigen Asphalt auf den Splitt, anstatt anständiges Kopfsteinpflaster zu verlegen!

Im Jahr 1997 verleiht ihm die Stadt die Ehrenbürgerwürde. Wem, wenn nicht ihm? "Diese unbändige und ungebändigte Kraft", erzählt Bürgermeister Walter Brilmayer, die habe ihn beeindruckt, solange er sich erinnern könne. Man könne wohl ohne Übertreibung sagen: "Der Manfred war einer der bedeutendsten Ebersberger, die es jemals gegeben hat."

Grabkreuzmuseum oder Kriegsgräberfürsorge, zu tun ist immer etwas. Bergmeister ist kein Ruheständler, er ist ein Unruheständler. Das liegt auch mit daran, dass Manfred Bergmeister in diesem Lebensabschnitt das Aquarellzeichnen für sich entdeckt.

Weil es ihm keine Ruhe lässt, stapeln sich Skizzen wie Malereien in Kisten und sind Zeugen dieses Hobbys, dieser Leidenschaft. Seine Pausen sind nur kurz. "Länger als einen Monat ohne Malen - das halte ich nicht aus." Der Öffentlichkeit blieben die meisten der Aquarelle verborgen. Sich auf einer Vernissage loben zu lassen - "das mag ich nicht."

Aber er mochte es konsequent. Als Manfred Bergmeister in jener Stadtratssitzung ums alte Forstamt aufsteht und geht, fordert ihn der junge Bürgermeister Hans Vollhardt auf, zu bleiben. "Dafür können Sie bestraft werden", sagt der CSU-Parteikollege. "Wie denn?", fragt Bergmeister zurück - "man kann Ihnen das Sitzungsgeld streichen." Bergmeister sagt: "Das bekommen die Kindergärten", dann ist er draußen.

Das alte Forstamt steht noch immer. Es hat sogar ihn überlebt.