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Nach Massenschlägerei:Jugendamt schließt Flüchtlingsunterkunft

In dem ehemaligen Hotel in der Ortsmitte sind junge Flüchtlinge untergebracht - noch.

(Foto: Christian Endt)

Mit Steinen, Stühlen und einem Stock sind sie aufeinander losgegangen: Nach der Massenschlägerei unter minderjährigen Flüchtlingen in Zorneding reagiert das Münchner Jugendamt. Die Bewohner müssen raus.

Es war die Ruhe nach und vor dem Sturm an diesem Dienstagvormittag: Ein jugendlicher Flüchtling hört vor dem Eschenhof in Zorneding Musik, drei weitere ratschen auf dem Balkon, zwei Kerle lachen auf der Straße mit einem Betreuer. Ein paar Stunden später dann die Nachricht: Das Stadtjugendamt München verlegt noch am selben Tag einen Teil der Flüchtlinge, die am Sonntagabend an der Massenschlägerei beteiligt waren, nach München. Auch die übrigen minderjährigen Asylbewerber werden in absehbarer Zeit bayernweit in anderen Aufnahmeeinrichtungen untergebracht. Die Notunterkunft im Eschenhof wird spätestens zum Jahreswechsel geschlossen.

Die Polizei Poing hat mittlerweile fünf Tatverdächtige festgenommen. Die jungen Männer im Alter von 16 bis 17 Jahren wurden am Dienstag dem Haftrichter vorgeführt und bleiben bis auf weiteres in Untersuchungshaft.

Bis die Einrichtung geschlossen wird, stockt das Münchner Jugendamt die Zahl der Betreuer von acht auf zwölf auf. Seit Montag ist mit dem Verein für Jugend- und Familienhilfen aus München neben der Diakonie Rosenheim ein zweiter Träger in der Einrichtung tätig. Außerdem wird nun ein Nachtdienst installiert und der Sicherheitsdienst rund um die Uhr zu dritt im Einsatz sein.

Was geschehen ist

Das Stadtjugendamt reagierte mit der Entscheidung auf die offenbar ethnisch bedingten Konflikte, die sich am Sonntag vor allem zwischen zwei Bevölkerungsgruppen entladen hatten. Dabei kam es zu einer Massenschlägerei, ein 17-Jähriger, der in den etwa 300 Meter entfernten Gasthof Neuwirt flüchtete, wurde von sieben Angreifern mit Steinen und einem Stock verprügelt. Wirtshausgäste und die Bedienung gingen dazwischen und verhinderten Schlimmeres.

Es ist dieses Ereignis, das Zornedings Bürgermeister Piet Mayr (CSU) bei einem Treffen am Dienstag mit dem Jugendamt München, der Regierung von Oberbayern, den Betreuern, dem Sicherheitsdienst, der Diakonie Rosenheim als Träger der Einrichtung und dem Helferkreis fordern ließ, die Einrichtung zu schließen. Er sprach von einem "absolut einmaligen Ereignis in ganz Oberbayern": "Die Einrichtung ist an dieser Stelle mitten im Ort ein Problem."

Anwohner hatten den Bürgermeister noch am Sonntagabend zum Eschenhof gerufen. Die Nachbarn hätten Angst, sagt Mayr: "Mir tut es wirklich leid für die Jugendlichen, ihnen konnte nichts Besseres passieren, als hierher zu kommen. Aber ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn am Sonntag jemand im Weg gestanden wäre."

Wie der Konflikt entschärft werden soll

Mit der Verlegung eines Teils der derzeit 47 Jugendlichen will das Jugendamt den Konflikt entschärfen. Momentan stünden alle Beteiligten unter Schock, berichtet Piet Mayr. Für ihn ist nach dem Treffen, bei dem auch die Betreuer ihre Einschätzung abgaben, klar: "Die Situation kann jederzeit wieder eskalieren."

Auch im Landratsamt Ebersberg reagiert man erleichtert und bezeichnet die Ankündigung des Münchner Jugendamts als "richtig und notwendig". Landrat Robert Niedergesäß (CSU) habe am Dienstagmorgen noch vor dem anberaumten Krisentreffen einen Brandbrief an das Sozialministerium und Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) geschrieben, sagte Pressesprecherin Evelyn Schwaiger.

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Wie es für die Flüchtlinge weitergeht

Mayr betont, dass sich die Gemeinde weiter um die minderjährigen Flüchtlinge kümmern wolle. Die Angebote des Sportvereins würden ebenso aufrecht erhalten wie die Kleidersammlung. Am kommenden Samstag sind die Asylbewerber außerdem zum Zornedinger Musikfestival eingeladen. "Wir werden uns nicht abkapseln und die Jugendlichen nicht einkapseln", verspricht der Bürgermeister.

Voraussichtlich Ende Januar 2015 kommen weitere 50 erwachsene Flüchtlinge in Zorneding an, die in Containern an der Bahnhofstraße untergebracht werden. Darauf sei man vorbereitet, sagt Amtsleiter Daniel Kommnick: "Ein Konfliktpotenzial wie im Eschenhof wird hier hundertprozentig nicht entstehen."

Die Stadt München hatte Anfang Oktober den bis dato leer stehenden Eschenhof angemietet und kurzfristig in eine Notunterkunft für unbegleitete Flüchtlinge im Alter von 16 bis 18 Jahren umfunktioniert. Wie das Sozialreferat mitteilt, sei die Anmietung nie auf Dauer gedacht, sondern eine Reaktion auf die extreme Überbelegung der Bayernkaserne gewesen. Dort mussten die ankommenden Flüchtlinge teilweise ohne Decken im Freien übernachten.

Die Münchner Behörde wehrt sich gegen die Vorwürfe der Gemeinde Zorneding, die Probleme im Eschenhof ignoriert zu haben und für die Verantwortlichen im Rathaus nicht erreichbar gewesen zu sein: "Von einem Wegducken kann hier keine Rede sein."