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Museum Wald und Umwelt Ebersberg:Ach du lieber Himmel!

Waldmuseum - Ausstellung Lichtverschmutzung.

Projektleiter Jochen Carl vor Weltraumbildern mit Lichtsmog. Der Ingenieur spricht von einem zunehmenden "Beleuchtungswahnsinn".

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Ebersberger Museum klärt in einer neuen Sonderausstellung über die Folgen der Lichtverschmutzung für Mensch, Tier und Umwelt auf

Von David Beer, Ebersberg

Wie oft sieht man die Milchstraße am Nachthimmel? Wenn man in der Nähe einer Stadt wie München wohnt, ist die Antwort wohl: nie. Manche kennen die malerische Form unserer Galaxie vielleicht sogar nur von Bildern, was vor einem Jahrhundert kaum zu glauben gewesen wäre. Seit der Erfindung des künstlichen Lichts wird das Sternenmeer am Nachthimmel immer weniger sichtbar. Die zunehmende Beleuchtung erhellt die Nacht immer mehr, und daher rühren ernste ökologische Probleme. Insekten, Vögel und Fledermäuse, die wesentlich zu einem gesunden Naturhaushalt beitragen sollen, leiden stark darunter.

Zu diesem Thema hat das Museum Wald und Umwelt Ebersberg eine neue Sonderausstellung "Lichtverschmutzung - Verlust der Nacht" konzipiert. Sie wird an diesem Samstag, 19. September, 11 Uhr, eröffnet und ist bis 17. April 2021 zu sehen.

Im Untergeschoss des Museums wird der Besucher von Bildern und Diagrammen über das künstliche Licht umfangen, die ihn zum Nachdenken anregen. Wie oft überlegt man, was für eine Auswirkung ein kleines Gartenlicht auf die nächtliche Umwelt hat? Jochen Carl, Projektleiter der Sonderausstellung, tut das auf jeden Fall. Er spricht von einem "Beleuchtungswahnsinn", der sich in Europa rasch entwickelt habe. Die künstliche Ausleuchtung des Nachthimmels nehme immer stärker zu - jedes Jahr um zirka sechs Prozent.

Um diese Tatsache zu verdeutlichen, lenkt Carl die Aufmerksamkeit auf zwei Satellitenbilder von Europa bei Nacht. Das eine ist aus dem Jahr 1993, das andere von 2013, das auffallend heller ist. "Man merkt hier, wie stark die Aufhellung des Nachthimmels ist. Das ist, was wir Lichtverschmutzung nennen." Man könne diesen Zuwachs mit der Senkung der Energiekosten erklären. Das gilt insbesondere wegen der immer weiteren Verbreitung von LED-Lampen, die deutlich weniger Strom als traditionelle Glühbirnen verbrauchen. Wegen der gesunkenen Kosten wird nun oft mehr beleuchtet.

Das passiert häufig ohne Berücksichtigung der Wirkung auf unseren Bio-Rhythmus, auch nicht auf das empfindliche Ökosystem, das uns umgibt. Zum ersten Thema erläutert Rudolf Schierl, Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin: "Wir haben alle eine innere Uhr, die vom Gehirn gesteuert wird. Manche sind Lerchen, also Frühaufsteher, andere sind Eulen und bleiben länger wach." Die Lichtverschmutzung, beziehungsweise das künstliche Licht, soll insbesondere den Rhythmus der ersten Gruppe und auch von älteren Menschen stark beeinträchtigen. Die erhöhten Gesundheitsrisiken, die etwa Schichtarbeiter eingehen, dienten als Beispiel dafür, was für Probleme ein unnatürlicher Bio-Rhythmus verursachen könne. Das bedeute unter anderem eine höhere Chance, an Krebs oder Depressionen zu erkranken.

Auch Ursula Kunz, Naturschützerin aus Hohenlinden, verdeutlicht, wie gefährlich künstliches Licht für den Menschen ist. Um Risiken zum Beispiel von Schlafstörungen zu mindern, sollte man zwei Stunden, bevor man ins Bett geht, auf Licht mit hohem Blauanteil verzichten. Dazu kann man im Handy oder Computer den Nachtmodus einschalten oder bestenfalls sogar auf Bildschirme komplett verzichten.

Noch schlimmer als den Menschen geht es manchen Tierarten, sagt Ursula Kunz. Mehr als 60 Prozent aller Lebewesen sind nachtaktiv. Der Schaden von künstlichem Licht betreffe besonders Insekten, von denen im Sommer allein in Deutschland mehr als 100 Milliarden unter Straßenlaternen sterben. Weitere Opfer seien Zugvögel, die normalerweise nachts nach dem Sternenhimmel navigieren. Wegen der künstlichen Helligkeit verlieren sie häufig die Orientierung, verirren sich und sterben an Erschöpfung.

Ziel dieser Ausstellung im Ebersberger Museum für Wald und Umwelt ist aber nicht nur, die negativen Auswirkungen der Lichtverschmutzung zu zeigen. Sie bietet auch Lösungen und Tipps an, wie die Gesellschaft umweltfreundlicher leben kann. Straßenlaternen sind zum Beispiel eine der Hauptursachen von Lichtverschmutzung, obwohl sie eine wichtige Sicherheitsaufgabe erfüllen. Um ihre negative Auswirkung auf die Umwelt zu verringern, könnte man ihren Lichtkegel gezielt nur nach unten strahlen lassen und sie generell mit einem warmweißen Licht ausrüsten.

Aufgrund der derzeit bestehenden Corona-Hygienevorschriften ist der Zutritt zur Ausstellung immer nur kleinen Gruppen gestattet. Am Eröffnungstag wird vor dem Museum ein Zelt als Wartebereich zur Verfügung stehen.

© SZ vom 19.09.2020

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