Kulturfeuer in EbersbergBotschafterinnen eines modernen Zirkus

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„Wir hängen alles auf, was wir finden“: Beim „Zirkus-Lab“, das nun in Ebersberg gastiert, kommt auch ein Würfel zum Einsatz.
„Wir hängen alles auf, was wir finden“: Beim „Zirkus-Lab“, das nun in Ebersberg gastiert, kommt auch ein Würfel zum Einsatz. Martin Fink/Veranstalter
  • Karin Paulsburg und Julia Ladner, ehemalige Schülerinnen des Gymnasiums Grafing, betreiben erfolgreich ein Studio für Tanz und Artistik in München.
  • Die beiden Künstlerinnen fördern zeitgenössischen Zirkus ohne Tiere und Glitzerkostüme, sondern mit modernem Look und thematischen Shows wie "Reflection".
  • Das Münchner "Zirkus-Lab" gastiert am Samstag, 18. Juli, um 19.30 Uhr im Alten Speicher Ebersberg mit ihrer Show "Reflection".
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Zwei Mädchen haben einst am Gymnasium in Grafing die Bewegungskünste für sich entdeckt. Inzwischen leiten Karin Paulsburg und Julia Ladner erfolgreich ein Studio für Tanz und Artistik in München. Was dort entsteht, zeigen sie nun bei einem Heimspiel.

Von Anja Blum, München/Ebersberg

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„Jeder kann lernen, an einem Vertikaltuch hochzuklettern, selbst als Erwachsener“, sagt Karin Paulsburg und lächelt aufmunternd. „Klar, kopfüber irgendwo gehangen sind die meisten zuletzt als Kind auf dem Spielplatz – doch wenn man sich mal überwunden hat, ist das überhaupt nicht schlimm.“ Ganz im Gegenteil: Luftartistik mache Spaß und fördere „ganz nebenbei“ sowohl Kraft als auch Beweglichkeit.

Karin Paulsburg und Julia Ladner betreiben ein Studio für Tanz und Artistik und haben unter anderem ein Konzept für erwachsene Anfänger am Vertikaltuch entwickelt. Denn die beiden Künstlerinnen und Freundinnen, 30 beziehungsweise 31 Jahre alt, haben eine Mission: den zeitgenössischen Zirkus in München voranzubringen. Und das gelingt ihnen verblüffend gut.

Vielfalt im Ausdruck: Julia Ladner (rechts) und Karin Paulsburg wurden beide an der Iwanson International in zeitgenössischem Tanz ausgebildet. Doch dank ihrer Vergangenheit bei der Grafinger Gruppe „Movimento“ ist die Artistik ebenfalls ihr Metier.
Vielfalt im Ausdruck: Julia Ladner (rechts) und Karin Paulsburg wurden beide an der Iwanson International in zeitgenössischem Tanz ausgebildet. Doch dank ihrer Vergangenheit bei der Grafinger Gruppe „Movimento“ ist die Artistik ebenfalls ihr Metier. Stonebite/oh

Wer nun sogleich an Elefanten, Clowns und Messerwerfer denkt, ist indes auf der falschen Spur. „Bei uns gibt es kein Zelt, keine Tiere und keine bunten Glitzerkostüme“, erklärt Julia Ladner und lacht. Der zeitgenössische Zirkus nämlich setze auf einen schlichten, modernen Look und nur auf Bewegungskünste, auf Akrobatik in der Luft und am Boden, auf Tanz und Jonglage. Und auf immer wieder neue Tricks oder Elemente. Vielleicht eher vergleichbar mit einem Varieté – wobei es auch zu diesem einen großen Unterschied gebe: „Wir machen keine reine Nummernrevue, sondern versuchen immer, einen thematischen Bogen zu spannen“, sagt Paulsburg.

Die Show, mit denen die beiden Künstlerinnen nun beim Kulturfeuer in Ebersberg zu sehen sind, heißt zum Beispiel „Reflection“. Ein Wort, das viele Bedeutungen hat. Licht, das sich bricht. Wärme, die zurückstrahlt. Schall, der antwortet. Ein Blick in den Spiegel. In der Ankündigung heißt es: „Reflection ist eine Reise durch die vielfältigen Facetten der Spiegelung: physikalisch, philosophisch, emotional.“ Ja, es steckten viele Gedanken in jeder Show, die mit Körpersprache transportiert würden, sagt Ladner. Doch allzu verkopft dürfe man sich das Ganze nicht vorstellen. „Wir wollen nichts Elitäres machen. Man kann sich auch einfach zurücklehnen und die Ästhetik der Bewegungen genießen.“

Zeitgenössischer Zirkus hat nichts zu tun mit dem bunten Treiben in einer Manege. Im Fokus stehen vielmehr Ästhetik und Körpersprache.
Zeitgenössischer Zirkus hat nichts zu tun mit dem bunten Treiben in einer Manege. Im Fokus stehen vielmehr Ästhetik und Körpersprache. Martin Fink/Veranstalter
In der Produktion des „Zirkus-Lab“ verschmelzen zudem Tanz und Artistik.
In der Produktion des „Zirkus-Lab“ verschmelzen zudem Tanz und Artistik. Annette Hempfling/Veranstalter

Das Besondere an dem Auftritt in Ebersberg: Er ist für die beiden jungen Frauen ein Heimspiel. Vor 20 Jahren lernten sie sich am Gymnasium Grafing kennen und gehörten zur ersten Generation von Movimento, einer Gruppe für Bewegungskünste rund um den Lehrer Stefan Eberherr, die inzwischen weit über die Schule hinausgewachsen ist. Schon damals haben Paulsburg und Ladner also zusammen getanzt und trainiert, am Ring, am Trapez, am Tuch. Doch nicht nur das. Bald haben sie selbst Gruppen angeleitet, Choreografien ersonnen, Kostüme genäht und Shows vorbereitet. „Movimento war ein großer Spielplatz. Wir konnten da so viel ausprobieren – das war absolut prägend“, schwärmt Ladner. „Und schon damals haben wir davon geträumt, später ein Studio für Tanz und Artistik zu eröffnen, am liebsten in einem Autohaus“, ergänzt Paulsburg.

Ein Moment, in dem beide Frauen breit grinsen – denn es ist tatsächlich so gekommen. Nach ein paar Umwegen über Hamburg und Berlin bei der einen und ein Studium in Bioingenieurwesen bei der anderen trafen die beiden Freundinnen sich und ihre Träume während der Pandemie in München wieder – und per Zufall auf die perfekte Immobilie: ein ehemaliges Autohaus in Pasing. Lage, Größe, Raumaufteilung – wie gemacht für die Ideen der zwei damals freiberuflichen Künstlerinnen. Und sie gingen das Risiko ein, trotz Corona, trotz fragwürdiger Aussichten.

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Quasi über Nacht erstellten die beiden Gründerinnen für die Vermieter ein Exposé und einen Businessplan, fanden Unterstützung bei einer Bank, verlegten eigenhändig Böden und zogen Wände ein. Inzwischen unterrichten in dem Studio rund 30 Trainer, es gibt Kurse für Anfänger wie Profis in allen möglichen Disziplinen. Und die Nachfrage gerade in der Artistik sei enorm, sagt Ladner: „Wir haben jede Woche 400 Kinder bei uns.“ Doch auch viele Profis seien froh, dass in dem Studio dauerhaft ein Raum für Proben zur Verfügung steht.

Denn in Deutschland und ganz besonders in München habe es der zeitgenössische Zirkus lange schwer gehabt, erzählen Ladner und Paulsburg: zu wenig Platz und Engagements, zu wenig Förderung und Ausbildungsmöglichkeiten. Und vor allem: zu wenig Sichtbarkeit. Das alles wollen die beiden ehemaligen Movimentos ändern – und unbedingt weitergeben, was sie selbst als so positiv erlebt haben. „Wir sind mitverantwortlich für die nächste Generation, und es ist toll zu sehen, wie sie sich entwickelt!“, sagt Ladner.

Kein Wunder also, dass nun sogar eine Legende der Branche auf die zwei Frauen setzt: Werner Buss hat mit Paulsburg und Ladner unter dem Dach der Pasinger Fabrik ein „Zirkus-Lab“ gegründet, ein Projekt, das junge Künstlerinnen und Künstler zusammenbringen und neue Formen entwickeln soll. Die erste Produktion – eben jenes Stück „Reflection“ – wurde Ende 2025 in elf ausverkauften Shows frenetisch gefeiert. Und an der zweiten Show für kommenden Herbst wird bereits gearbeitet, unter der Regie von Ladner und Paulsburg.

Das Münchner „Zirkus-Lab“ mit Reflection“ ist am Samstag, 18. Juli, im Alten Speicher Ebersberg. Beginn ist um 19.30 Uhr, Einlass um 19 Uhr. Karten sind erhältlich im Foyer des Alten Speichers, unter 08092/255 92 05 oder www.kultur-in-ebersberg.de. Um 18 Uhr öffnet der Biergarten im Klosterbauhof, wo ab Sonnenuntergang das Trio „Banda Balorda“ spielt. Der Eintritt in den Hof ist frei.

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