Artenschutz im Landkreis Ebersberg:Biber sind nun an allen Gewässern zuhause

Biber im Mühlbach Jahresrückblick

Die Chancen, einen Biber zu sehen, sind in den vergangenen Jahren gestiegen, die Biber-Schäden auch.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Noch vor zehn Jahren lebten kaum welche im Landkreis Ebersberg, jetzt fühlen sie sich fast überall wohl. Die Untere Naturschutzbehörde erlaubt deshalb nun in Einzelfällen auch die Tötung der Tiere.

Von Barbara Mooser, Ebersberg

Idyllische Fleckchen direkt am Wasser sind seine bevorzugte Wohnlage, und wenn er einzieht, gestaltet er seine Umgebung gern mal gründlich nach seinen eigenen Vorstellungen um. Die Rede ist vom Biber: Noch vor wenigen Jahrzehnten galt er vom Aussterben bedroht, inzwischen gibt es im Landkreis Ebersberg wieder eine große Population. An fast allen Gewässerläufen und Seen ist er heute zu finden, wie Johann Taschner, Chef der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt, erläutert. Naturschützer freuen sich, Grundstücksbesitzer oft weniger, weil der Biber immer wieder Schäden anrichtet. Seit einigen Jahren erteilt die Naturschutzbehörde daher auch Genehmigungen zur "Entnahme" der Tiere.

Allerdings ist das nur das letzte Mittel, um Bibern mit allzu großem Zerstörungsdrang Herr zu werden. Denn das Tier gehört in Europa zu den streng geschützten Arten. Bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden seine Bestände stetig dezimiert, sein weiches Fell war begehrt, aber auch sein wohlschmeckendes Fleisch. Der Biber galt als nahezu ausgerottet. Erst in den Sechzigerjahren wurden Biber wieder angesiedelt und entwickelten sich seitdem in vielen Teilen Bayerns bestens. Auch in Ebersberg, vor allem in den vergangenen zehn Jahren hat sich die Biberpopulation deutlich nach oben entwickelt. Wie viele der Tiere jetzt insgesamt im Landkreis leben, lässt sich nicht genau feststellen. Schätzungen von Fachleuten gehen von gut 200 aus.

Dass sich der Biber im Landkreis pudelwohl fühlt, zeigt sich nicht nur bei Spaziergängen an Attel, Ebrach oder den meisten anderen Gewässern, es lässt sich auch daran ablesen, dass er mit seinen baumeisterlichen Aktivitäten immer mehr Schäden anrichtet. Noch 2010 betrugen die Ausgleichszahlungen für von Biber verursachte Schäden wenige hundert Euro, 2017 wurden dann bereits knapp 4000 Euro ausgegeben. Inzwischen sind es immer um die 9000 Euro pro Jahr, wie Gabriele Haber, die zuständige Expertin in der Naturschutzbehörde, erläutert.

Dabei sind die Schäden recht unterschiedlich. Mal unterminiert der Biber beim Tunnelbau Gelände, das daraufhin einbricht, mal verursacht er eine Überschwemmung, mal fällt er einen Baum, der dann auf einen Stadel stürzt, mal frisst er sich durch ein Maisfeld. Die Schäden werden dann weitergeleitet an die Regierung von Oberbayern und das zuständige Umweltministerium und zum Teil ausgeglichen. In der Regel würden etwa 60 bis 70 Prozent erstattet, erläutert Gabriele Haber, das hängt davon ab, wie hoch bayernweit die Schadensmeldungen ausfallen. Das Umweltministerium hat allerdings inzwischen auf die Zunahme der Biber-Schäden im Freistaat reagiert und den dafür eingerichteten Fonds um 100 000 auf nun 555 000 Euro erhöht.

Biber und ihre teils angedichtete Zerstörungskraft

Allerdings gelingt das Zusammenleben zwischen Mensch und Biber im Landkreis Ebersberg noch vergleichsweise gut, wie Gerhard Schwab sagt. Er muss es wissen, er ist als Biberberater des Bundes Naturschutz für ganz Süddeutschland zuständig. Normalerweise werde er bei schweren Streitfällen hinzugezogen, sagt er, im Raum Ebersberg sei ihm in den vergangenen Jahren aber kein einziger derartiger Fall bekannt. Dies liege auch an der Struktur des Landkreises, erläutert er. In Regionen mit ausgedehnter Teichwirtschaft etwa könne ein Biber schon ganz andere wirtschaftliche Schäden anrichten - wenn er beispielsweise einen Teich auslässt und alle Fische auf dem Trockenen verenden.

Bisweilen, so die Erfahrung Schwabs, werde dem Biber allerdings auch größere Zerstörungskraft angedichtet als tatsächlich vorhanden sei. Beispielsweise werde immer wieder behauptet, dass ein einzelner Biber die Ernte eines gesamten Feldes vernichtet habe - und es der betroffene Landwirt auch erst ganz am Ende des Beutezugs gemerkt habe. Dies erscheine doch recht unrealistisch. Einige Landwirte reichten ihre Schäden auch erst viel zu spät ein und ohne fotografische Dokumentation.

"Viele werfen sich schützend vor die Biber"

Doch auch wenn es im Landkreis Ebersberg nach Einschätzung Schwabs vergleichsweise ruhig zugeht, ist man doch in der Unteren Naturschutzbehörde immer wieder mit unterschiedlichen Interessenslagen konfrontiert, wie Chef Johann Taschner erläutert. Auf der einen Seite die Landwirte, die auf ihre Schäden verweisen. Auf der anderen Seite diejenigen, denen der Schutz der Biber stark am Herzen liegt.

"Viele Bürger werfen sich gewissermaßen schützend vor die Biber", sagt Taschner, sie schlügen Alarm, wenn beispielsweise Biberburgen beseitigt würden und verlangten oft, dass die Naturschutzbehörde härter durchgreife. "Wir kennen beide Seiten", sagt Taschner, aber vor allem müsse man eben auf der vorhandenen rechtlichen Grundlage handeln: "Wir können nur mit dem Wasser kochen, das wir im Topf haben", drückt er es aus.

Manchmal bleibt auch den Fachleuten im Ebersberger Landratsamt nichts übrig, als die "Entnahme" - das ist ein euphemistischer Fachbegriff für die Tötung - des Bibers zuzulassen. Das ist dann der Fall, so der Chef der Naturschutzbehörde, wenn "höherwertige Rechtsgüter betroffen sind". Nach Angaben Taschners wurden in diesem Jahr zwölf Entnahmen erlaubt, ebenso wie 2019. Im Jahr 2018 waren es zehn Genehmigungen gewesen. Laut Gerhard Schwab sind diese Zahlen für einen Landkreis wie Ebersberg normal. Ohnehin bedeutet eine Tötungserlaubnis nicht unbedingt, dass der Biber auch tatsächlich sein Leben lassen muss. Denn die Tiere sind schlau, "es ist gar nicht so einfach, die zu erwischen", weiß Taschner.

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