Moosach Sprechfeuerwerk der Extraklasse

Ein Experte für das Wort: Martin Pfisterer, Schauspieler und Sprecher aus München.

(Foto: Veranstalter)

Moosach: Martin Pfisterer brilliert mit szenischer Bernhard-Lesung

Von Michaela Pelz, Moosach

"Es war ein Fehler, die Einladung anzunehmen", stellt der Ich-Erzähler aus Thomas Bernhards "Holzfällen", verkörpert von Schauspieler Martin Pfisterer, gleich im ersten Satz klar. Anschließend schildert er zweimal 45 Minuten lang seine Gründe für diese Aussage nebst dem Ablauf des "künstlerischen Abendessens" zu Ehren eines Burgschauspielers - darum geht.

Zum Auftakt der Vorstellung im Moosacher Meta Theater hatte Axel Tangerding bereits den Skandal rund um den, der szenischen Lesung zugrunde liegenden, Roman kurz angerissen: Dass dieser nämlich 1984, kurz nach seinem Erscheinen, per Gerichtsbeschluss in allen österreichischen Buchhandlungen vorläufig beschlagnahmt wurde, weil sich der berühmte Komponist und Mäzen Gerhard Lampersberg im Buch unter dem Namen "Auersberg" wiederzufinden glaubte. Ebenso wie zahlreiche weitere Figuren, allesamt alles andere als schmeichelhaft dargestellt.

Diese Information hätte er sich bei den meisten Anwesenden sicher sparen können - sind sie doch, wie Kunstpädagogin Ingrid Köhler ("Ich habe fast alle Bücher gelesen und träume davon nach Ohlsdorf in den Vierseithof zu fahren") Bernhard-Fans oder haben sogar, wie Ernst Müller aus Grafing, im Rahmen des Studiums über den österreichischen Autor geschrieben.

Auch Pfisterer hat den Text nicht ohne Grund gewählt: Bernhard sei wie ein literarischer Bruder für ihn , sagt er "und Holzfällen mein Lieblingsstück, das ich schon seit zehn Jahren spiele!" Das merkt man ihm auch an - souverän und mit beeindruckender Leichtigkeit navigiert er sowohl durch komplizierte Sprachgebilde wie etwa den "grotesk-komischen Besteckgebrauch" als auch ellenlange Schachtelsätze. Ein Paar aus Ebersberg wird später zu Protokoll geben, dass es die Darbietung als "sehr erfrischend und nicht überzogen" wahrgenommen hat - obwohl der Sprachvirtuose streckenweise alle Register zieht: Er lallt, säuselt, schreit - je nachdem, was bei dem Zusammentreffen der Abendgesellschaft alles passiert. Diese - bestehend hauptsächlich aus Künstlern - hat sich nach dem Begräbnis einer durch Suizid gestorbenen Freundin in der "scheußlichen" Wohnung der Auersbergers in der Gentzgasse zusammengefunden, um "dem Burgschauspieler" für seine Leistung als "Ekdal" in Ibsens Wildente zu huldigen.

Der Ich-Erzähler sitzt, nach einer Funkstille von fast 30 Jahren, mitten unter ihnen, obwohl er die Anwesenden verabscheut und schrecklich verlogen findet, was er auch detailreich begründet - gute zwei Dutzend Mal begleitet von der Formulierung "(...) dachte ich auf dem Ohrensessel". Nach stundenlanger Wartezeit erscheint der Burgschauspieler, ein aufgeblasener Egozentriker, der sich erst einmal unter kontinuierlicher Beweihräucherung der eigenen Person Kartoffelsuppe in den bärtigen Mund schaufelt.

Die Heiterkeit im Publikum steigt parallel zur maschinengewehrartigen Geschwindigkeit, in der Pfisterer diese Passage bravourös zum Besten gibt. Keine Frage, Thomas Bernhard ist ein Meister der pointierten Darstellung und, wie Ingrid Köhler begeistert anmerkt, sein Bühnen-Ich kommt ihm im Lauf der Zeit ausgesprochen nahe. "Mit diesem leicht ironischen Unterton, der arroganten Haltung wird er immer mehr zum Alter Ego!"

Zurück zum Stück: Nach einem flammenden Loblied auf das unvergleichliche Wiener Theater, gegen das alle anderen - vor allem die Deutschen - stümperhaft sind, kommt es durch eine Frage der Dichterin Jeannie Billroth, die sich für die bessere Virginia Woolf hält, zu einem Eklat.

Der Burgschauspieler explodiert und genau dadurch sieht der Ich-Erzähler ihn plötzlich mit ganz anderen Augen. Aus Abneigung wird, zumindest temporär, fast eine Art Sympathie, befördert durch die erklärte Nähe zur Natur, ausgedrückt durch die Begriffe "Wald, Hochwald, Holzfällen".

Am Ende sind alle betrunken (im Stück, nicht im Saal, trotz des von Tangerding aufgetischten Grünen Veltliners und Zweigelts) und Martin Pfisterer läuft noch einmal zur Hochform auf, indem er seine Sprechgeschwindigkeit analog zum Text schwindelerregend steigert.

Das Publikum, darunter Kammerspiel-Mimin Wiebke Puls, quittiert die Leistung mit kräftigem und anhaltendem Applaus. Alle sind sich offenbar einig, dass es ganz und gar kein Fehler war, an diesem Abend der Einladung ins Moosacher Meta Theater gefolgt zu sein.