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Mitten in Wiesham:Nicht nur der Gockel . . .

Auf einem Misthaufen wird seit Monaten eine weltanschauliche Debatte geführt - gerade gab es wieder einen echten Shitstorm.

Kräht der Gockel auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt, wie es ist. Die Richtigkeit dieser uralten Bauernweisheit leuchtet sofort ein, allerdings greift sie etwas zu kurz. Denn es ist bei weitem nicht alles Gockel, was so auf Misthaufen herumkräht. Im Dörfchen Wiesham bei Grafing etwa gibt es einen Misthaufen, da hat der Gockel eher wenig zu melden. Diese Ansammlung unverdaulicher Reste ist eine Art soziales Netzwerk in einer ganz analogen Welt.

Begonnen hatte die Debatte vor aromatischem Hintergrund bereits im Spätsommer. Da hatte der Eigentümer des dem Misthaufen zugehörigen Hofes seine Überzeugungen plakatiert - die nach den Gesetzen der politischen Farbenlehre tatsächlich der Farbgebung eines Misthaufens nahestehen: Wahlplakate der rechtsradikalen Republikaner sowie selbstgemalte Plakate gegen "Asylanten". Das war an sich nichts Neues, der zweifelhafte Hofschmuck, bestehend aus mehr oder weniger aktuellen Republikaner-Plakaten und mehr oder weniger originellen manuellen Ergänzungen, findet sich dort bereits seit Jahren.

Politischer Dialog auf dem Misthaufen

Neu war in diesem Sommer allerdings, dass sich da zwischen Misthaufen und Holzstapeln ein politischer Dialog entwickelte: "Mehr Toleranz" hatte jemand groß auf eines der Republikaner-Pamphlete geschrieben, "koa Toleranz, du Zipfe", war die ebenfalls großflächig plakatierte Antwort. Nun hat die Debatte auf dem Misthaufen wieder an Fahrt gewonnen. Bereits vor einigen Wochen waren dort neue Schilder aufgetaucht, "Merkel muaß wegga" lautete eine der Botschaften und natürlich ging es auch wieder gegen "Asylanten".

Irgendwann um die Weihnachtstage - in der analogen Welt sind die Reaktionszeiten manchmal etwas gemächlicher als in der digitalen - brach dann ein wahrer Shitstorm über den Misthaufen herein: Nicht nur wurden die fremden- und merkelfeindlichen Plakate entfernt, sie wurden auch gegen ein "Refugees Welcome"-Schild ausgetauscht, ein anderes spekuliert über den Zusammenhang zwischen Misthaufen und dem Kopfinhalt seines Besitzers.

Man darf gespannt sein, wohin sich die Debatte nun entwickelt und welche neuen Schilder und Gegenschilder bald auf dem Misthaufen prangen werden. Es wird sicher hochinteressant, dieses soziale Netzwerk auf Kohlenwasserstoffbasis. Nur eine Frage bleibt bisher unbeantwortet: Wenn der Misthaufen zum politischen Forum wird, was macht eigentlich der Gockel die ganze Zeit?