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Mitten in Vaterstetten:Die Stunde der Haustiere

Es gibt in der Corona-Krise auch Gewinner: Unsere Haustiere, die sich nun über so viel Aufmerksamkeit wie nie freuen dürfen

Jede Krise kennt ihre Gewinner, die aktuelle macht da keine Ausnahme: Anbieter von Streamingdiensten werden noch reicher, der Online-Handel noch mächtiger und Verschwörungstheoretiker - so zumindest die Aussage der Schwester des Freundes eines Bekannten, die es von ihrem Friseur erfahren hat, der nämlich einen Kunden hat, der wiederum jemanden kennt, der . . . aber das führt jetzt zu weit - suchen derzeit händeringend nach im Zehn-Finger-System geschulten Fachkräften, um die täglich und stündlich neuen echt wahren Wahrheiten zum Coronavirus unters Volk, also ins Internet zu bringen. Und es gibt eine weitere Gruppe, die vom permanenten Ausnahmezustand profitiert: unsere Haustiere.

Zur Illustration dieser These eine Beobachtung an einem weniger belebten Morgen als sonst an einer weniger belebten Straße als sonst in Baldham. An diesem Morgen warten drei Autos an einer Fußgängerampel, die Straße quert ein Teenager mit Musikknöpfen in den Ohren und einem extrem gelangweilten Ausdruck im Rest des Gesichtes. Ein wahrer Kontrast ist dagegen sein Begleiter: Ein fröhlich wedelnder Hund, der sichtlich vergnügt jeden Laternenmasten und jedes Straßenschild beschnüffelt. Im Kopfkino des Betrachters läuft sofort die Szene, die dieser Straßenszenerie vorangegangenen sein könnte, samt Dialog. Erziehungsberechtigte(r): "Was machst Du eigentlich den ganzen Tag, jetzt wo die Schule zu ist?" Sohn (starrt ins Smartphone): "Ich mach schon was, aber erst am Nachmittag." Erziehungsberechtigte(r): "Das sind fei jetzt keine Ferien, hat der Piazolo auch gesagt." Sohn (tippt im Smartphone): "Weiß ich doch, ich mach ja nachher was." Erziehungsberechtigte(r): "Wenn Du jetzt eh nix machst, dann geh wenigstens mit Bello raus, Du kannst das Ding ja mitnehmen." Sohn (tippt weiter, murmelt Unverständliches). Bello (bringt schon mal die Leine): "Wuff!"

Für Haustiere, zumindest solche, die menschliche Aufmerksamkeit schätzen, ist die neue Normalität eine ganz neue und vermutlich nicht unangenehme Erfahrung. Statt schnell eine Runde um den Block gehetzt zu werden, weil der Mensch muss ja wohin, darf Bello im gemächlichen Teenagertrott - je länger die Hunderunde dauert, desto länger bis zum nächsten "Was machst Du eigentlich den ganzen Tag" - die neuesten Nachrichten aus der Hundewelt erschnüffeln. Ähnlich dürfte es derzeit vielen tierischen Mitbewohnern gehen, die in den Genuss langer Spaziergänge, Streicheleinheiten und Dosenöffnerbenutzungen mitten am helllichten Tage kommen. Umgekehrt gewinnt ja auch Frauchen und Herrchen, denn nicht nur ist es mit Tier zu Hause gleich viel gemütlicher - die flauschigen Mitbewohner öffnen auch eine Hintertür (es kann auch die Vordertür sein) aus der Ausgangssperren-Problematik. Denn sowohl das Gassigehen mit dem, wie auch das Einkaufen für den vierbeinigen Freund, sind von der Ausgangssperre ausgenommen. Inzwischen soll mancher daher so oft mit dem Hund rausgehen, dass der am Ende schon selber ganz gelangweilt guckt.

© SZ vom 25.03.2020
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