Mitten in PoingProvozieren und provozieren lassen

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Eine Wahlwerbung der Satirepartei "Die Partei" stößt dem Ebersberger SPD-Kreisverband sauer auf. Der wiederum betreibt mit seiner Reaktion beste Reklame für die in Ungnade gefallenen Plakatierer

Glosse von Thorsten Rienth

In Sachen Prüderie treiben es die Angelsachsen seit je her besonders weit. Zwar dekoriert das böse Wort mit F gefühlt jeden zweiten Satz. Nur ausgeschrieben werden sollte das "Four Letter Word" in Society besser nicht. Aus dem Auge, aus dem Sinn.

Im Auge befindet sich dieser Tage ohnehin etwas anderes, Wahlplakate zum Beispiel. Auch dort empfiehlt sich, wie ein Blick nach Poing zeigt, eine gewisse Sensibilität hinsichtlich des F-Wordings. Vor ein paar Tagen waren dort Wahlplakate der Satire-Partei "Die Partei" gesichtet worden. "Feminismus, ihr Fotzen", steht drauf, weiß auf rot. Und von oben hängt, diesmal rot auf weiß, ein Tampon ins Plakat. Über Plakatkunst lässt sich streiten, das sieht auch der Ebersberger SPD-Kreisverband so. Um im Bild zu bleiben: er sieht gar rot.

Satire hin oder her, stellt er in einer aktuellen Pressemitteilung klar: "Das Plakat ist der Inbegriff von Beleidigung, Respektlosigkeit, Diskriminierung und Schande. Es gehört auf den Misthaufen der Abscheulichkeiten politischer Wahlwerbung!" Vielmehr halte es der Kreisverband für absolut notwendig, Feminismus und "die besonderen Herausforderungen für Frauen in unserer Gesellschaft" zu diskutieren und zu enttabuisieren. "Wir fordern die satirisch motivierten Plakatmacher auf, umgehend alle betroffenen Plakate zu entfernen und sich bei den Frauen und Mädchen zu entschuldigen." Basta!

Realistischer ist freilich, dass sich die Plakatmacher aus der Kleinstpartei beim SPD-Kreisverband für die kostenlose Publicity bedanken. Nebenbei unterstreicht die kleine Posse eine alte soziologische Erkenntnis zum Wesen der Provokation: Es braucht den einen, der provoziert. Und den anderen, der sich provozieren lässt.

Historisch betrachtet liegen beim prüden Umgang mit im weitesten Sinne mit der Fortpflanzung zusammenhängenden Körperteilen übrigens nicht die Angelsachsen vorn. Stattdessen - ausgerechnet! - die Franzosen. En société durfte im 17. Jahrhundert selbst ein Busen nicht als solcher bezeichnet werden. "Gorge", lautete der vornehme Ersatzbegriff, Kehle. Weshalb das Französische den BH bis heute als "soutien-gorge" bezeichnet, als Kehlenstütze. Aber das ist eine andere Geschichte.

© SZ vom 04.09.2021 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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