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Mitten in Poing:Der Star trägt Punkte

Im Wildpark Poing stehlen auf einmal winzige Zaungäste den stolzen Greifvögeln die Schau

Glosse von Franziska Langhammer

Caruso ist ein Hingucker. Das findet auch das Publikum, das sich an einem Herbsttag im Wildpark Poing zur Greifvogelshow eingefunden hat. Der Wüstenbussard mit seinen braunen Schwingen und dem gedrungenen Körperbau ist nicht nur eine beeindruckende Erscheinung, er fliegt auch beeindruckend knapp über die Köpfe der Zuschauer hinweg, um sich am anderen Ende des Feldes ein Leckerli aka totes Mäuschen abzuholen. Dem ein oder anderen stellt es da bestimmt die Nackenhärchen auf. Booooah, ein Raunen geht durch die Menge, und dann wird geklatscht.

Die Sonne scheint hell an diesem Tag, so dass man die Augen zusammen kneifen muss, wenn man die großen Vögel bei ihren Stunts und spektakulären Jagdflügen beobachten will. "Genießen wir einmal diesen Ausblick", sagt der Falkner, der die Vorführung leitet, durchs Mikrofon, und macht auf den atemberaubenden Kontrast von blauem Himmel und schneeweißer Plustereule aufmerksam, die gerade lautlos vorbeigleitet. Die Menschen schweigen und genießen, hier und da ist ein "Oooh!" zu hören, oder ein "Aaah!". Und plötzlich ein "Gntzpfff!".

Der Nachbar hat wohl zu sehr gestaunt und dabei den Mund weit aufgesperrt. Hineingeflogen ist ihm einer der Superlative, die heute nicht durchs Mikro begrüßt werden: ein Marienkäfer. Der Nachbar hustet und spuckt das Tierchen wieder aus, und plötzlich ist die Aufmerksamkeit bei den kleinen Käfern, die überall in der Luft herumschwirren. Auf der Suche nach Winterquartieren haben sich die schwarz-roten Insektchen zu großen Wolken zusammen geschlossen, überall summt und punktet es, und parallel zur Show der ganz Großen ziehen die ganz Kleinen ihre eigene Choreografie ab. Wer mal den Blick von der wunderbaren Aussicht auf die Eule, die ihren Kopf um wahnsinnige 270 Grad drehen kann, auf den Mikrokosmos direkt vor sich senkt, bekommt ein ganz privates Flügelschlagen, dem auch kein Applaus gezollt werden muss.

Nach der Flugshow, die Vögel sind müde und die Marienkäfer auch, stakst ein weiterer Zaungast über das Gelände, der eigentlich nicht auf dem Programm steht. Ein Storch, der, wie erzählt wird, vor einiger Zeit im Winter von den Vogelexperten im Park aufgepäppelt wurde und nun immer wieder zu Besuch kommt. Erst als die große Menge an Zuschauern verschwunden ist, breitet auch er seine Flügel aus und hebt ab - grazil, königlich und knapp über den Köpfen der Anwesenden. Man möchte, noch im Rhythmus der Flugshow gefangen, klatschen, lässt es dann jedoch bleiben. Und genießt lieber einfach nur den Ausblick.

© SZ vom 24.10.2020

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