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Mitten in Kirchseeon:Der eilige dritte König

Ruhe und Kontemplation prägen historische Darstellungen der Weisen aus dem Morgenland. Doch vielleicht war alles ganz anders?

Wie jeden Morgen schleicht die Verkehrskarawane gemächlich durch Kirchseeon, draußen zieht in Schrittgeschwindigkeit die dauerspätherbstliche Szenerie vorbei. Plötzlich fällt die Morgensonne auf einen Farbtupfer am Straßenrand. Einen ziemlich schnellen Farbtupfer in Grün und Gold, um genau zu sein. Dieser entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Sternsinger in vollem Kostüm samt Turban, und der heilige König scheint es ziemlich eilig zu haben. Offenbar gilt es, die anderen beiden Könige einzuholen, die wohl bereits im Einsatz sind.

Was für ein Kontrast, denkt man da, zu den überlieferten Dreikönigsdarstellungen. Schließlich sind die bekannten Szenerien mit den drei heiligen Weisen stets geprägt von Ruhe und Besinnlichkeit: still wird das Kind angebetet, es werden ohne Hektik Geschenke übergeben, und damit hat es sich auch schon. Wobei, vielleicht liefert der kleine eilige König da gerade eine deutlich realistischere Version der Geschichte. Schließlich waren die mythischen Vorbilder wochenlang unterwegs Richtung Bethlehem, und dass es da immer ruhig und beschaulich zugegangen ist, wird jeder bezweifeln, der schon einmal mit Freunden oder der Familie eine längere Reise unternommen hat. Da braucht beispielsweise der Melchior in der Früh mal wieder ewig im Bad und der Caspar hat das Kamel wieder mal nicht direkt vor der Herberge, sondern irgendwo um die Ecke geparkt. Und dann kommt man auch noch in den üblichen Stau, lediglich in Schrittgeschwindigkeit schleicht die Karawane gen Bethlehem. Dabei müsste man doch dringend verlorene Zeit aufholen, weil Balthasar die Landkarte verkehrt herum gelesen hat, und der Zug der Könige hinter Babylon falsch abgebogen ist . . . Ja wahrscheinlich zeigen die gemalten Szenen der Heiligen Drei Könige gar nicht Ruhe und Gelassenheit, sondern lediglich Erschöpfung nach der langen Anreise.

Diese versucht der eilige dritte König aus Kirchseeon offenbar schnell hinter sich zu bringen. Während man noch über die historischen Vorbilder sinniert, ist er längst um die nächste Ecke verschwunden. Weiter auf der Suche nach dem Stern, mit dem seine beiden Kollegen wohl schon unterwegs sind.