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Mitten in Grafing:Vom Landsitz zur Schlangengrube

Wer in der S-Bahn nichts zum Lesen dabei hat, kann sich trotzdem bestens unterhalten - dank des Einfallsreichtums der Bewohner entlang der Strecke

Glosse von Thorsten Rienth

Wer von Ebersberg nach München will und spätabends mal wieder in Grafing-Bahnhof festsitzt, weil der Meridian wegen der "Filzi"-Verspätung schon weg ist und auch von der ein paar Minuten später abfahrenden S4 nur kleiner werdende Rücklichter zu sehen sind, soll die Sache positiv sehen. Nicht nur, weil der Passagier sich unter die immerhin überdachte Haltestelle setzen kann. Sondern auch, weil sich dort so schön durch den Humor der Menschen aus Grafing-Bahnhof bei der Benennung ihrer Wlan-Netze scrollen lässt. Ist ja etwas Zeit jetzt, mindestens 40 Minuten. "Stadtsitz" hat zum Beispiel jemand sein lokales Funknetz genannt. In Grafing-Bahnhof. Was wohl sein "Landsitz" ist?

In der nächsten S-Bahn lässt sich das Spielchen auf dem Weg in die Landeshauptstadt weiterspielen. In Kirchseeon grüßt jemand unter der Kennung "NSA02" Edward Snowden. Oder eben Barack Obama, unter dessen Präsidentschaft so einiges über die US-Überwachungsbehörde enthüllt worden war. Spielerischer geht's ab Eglharting zu. Dort funkt zuerst die "Hudi Box", dann in Zorneding "The Snake Pit", schließlich in Baldham ein schlichtes "1860". Wer die Giesinger Ehrerbietung mit einem FCB-Wlan kontern möchte: Im Windows- 10-Startmenü einfach "Netzwerk und Internet" öffnen. Auf "Adapteroptionen ändern" gehen. Nach einem Rechtsklick die eigene Verbindung scharfschalten und selbige einfach umbenennen. In etwa so müssen auch die Privatbetreiber von "MeinFritzNichtDeinFritz" in Baldham sowie "Whitehouse" und "Finger-Weg" in Vaterstetten vorgegangen sein.

Mit der Kreativität der Münchner kann die Ebersberger S4-Schneise allerdings nicht mithalten. Gäbe es einen Wettbewerb für die originellste Wlan-Umbenennung gehörte der "MartinRouterKing" zwischen Leuchtenbergring und Ostbahnhof sicherlich zu den Titelanwärtern. Wer keine Lust auf solche Gedankenspielchen mitbringt und obendrein Datenvolumen sparen will, dem bleibt noch "WIFI@DB". Hinter dem Kürzel steckt das S-Bahn-Wlan, das immer mitfährt. Ob es auch funktioniert, ist eine andere Geschichte.

© SZ vom 12.04.2021
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