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Mitten in Grafing:Kopieren nicht empfohlen

Schulen, die traditionell Kopiergeld von den Eltern verlangen, ernten zu Pandemiezeiten wenig Zuspruch

Kolumne von Anja Blum

In diesem zweiten Halbjahr war für Schüler, Lehrer und Eltern kaum etwas so wie immer. Kein Schulweg, keine Hausaufgaben, keine Mitschüler, dafür Mathe am Küchentisch, Videos für Englisch und Papa als Aushilfslehrer. Manche Dinge aber ändern sich offenbar nie, selbst zu Pandemiezeiten nicht. Am Ende des Schuljahres sammelt die Grafinger Grundschule bei den Familien immer Kopiergeld ein, einzeln abgerechnet für jede Klasse. Schließlich verwendet die eine Lehrerin mehr Arbeitsblätter als die andere. Und an dieser Tradition muss man offenbar festhalten, trotz allem.

In einer der zweiten Klassen heißt es also nun: 10, 50 Euro pro Kind, für den Zeitraum von Januar bis Mitte März. Hui, da ist was los im Klassenchat! Schließlich haben die Familien elf Wochen Homeschooling hinter sich, in denen sie sämtliche Materialien selbst ausdrucken mussten. "Gefühlt müssten wir Kopiergeld bekommen, oder?", schreibt eine Mutter und erntet reichlich Zuspruch. Die Lehrerin wiederum ist sich der absurden Situation offenbar bewusst: Man wisse, wie hoch die finanzielle Belastung der Familien durch das Homeschooling sei, schreibt sie, deswegen habe die Schulleitung bei der Stadt Grafing nachgefragt, ob die Kopierkosten nicht ausnahmsweise übernommen werden könnten. Leider mit negativem Ergebnis. Im Klassenchat meldet sich daraufhin eine Mutter zu Wort, sie kenne "zufällig" den Bürgermeister - und der wisse von nix!

Dann stellt sich noch heraus, dass es in der Grundschule einen Abrechnungsfehler gab. Plötzlich betragen die Kopierkosten nicht mehr 10,50, sondern nur mehr sechs Euro pro Kind. "Ungeschickt" ist dafür wohl noch eine harmlosere Bezeichnung. Die Eltern vermag der verminderte Betrag jedenfalls kaum zu beruhigen, schließlich "geht's hier um's Prinzip". Die Nerven, so scheint es, liegen einfach blank ob der ewigen Hetze zwischen Kinderschreibtisch, Arbeitslaptop und Herd. Derzeit hat die, beziehungsweise der ein oder andere wohl schon das Gefühl, plötzlich zwei Vollzeitjobs zu haben anstatt nur einen. Seinen eigenen und den des Lehrers nämlich. Auf dem Konto indes findet sich nach wie vor nur ein Gehalt. Aber was soll's, Traditionen sind was Schönes. Die sollte man pflegen. Nicht wahr?

© SZ vom 24.07.2020
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