bedeckt München 16°

Mitten in Grafing:Info oder Altpapier

Seit Jahren finden die Grafinger Stadträtinnen und Stadträte verlässlich die "Bayrische Gemeinde Zeitung" auf ihren Sitzungstischen vor. Ein interessantes Faktum dazu haben sie aber erst jetzt erfahren

Glosse von Thorsten Rienth

Selbst langjährige Grafinger Stadträte können sich nicht erinnern, ob die Dinge schon mal anders waren. Ob es Zeiten gab, in denen die "Bayrische Gemeinde Zeitung" nicht zu Sitzungsbeginn auf den Stadtratstischen lag? Die Frage stellte sich jetzt in Grafing, weil sich das zweimal monatlich erscheinende Blatt zuletzt geradezu gestapelt hatte. Und es die Grafinger Stadträte eben ernst nehmen mit dem Thema Papierverschwendung. Ob die Publikation nicht womöglich in digitaler Form erhältlich sei, erging die Frage an die Stadtverwaltung?

Die schickte das Ansinnen weiter an den CSU-Fraktionschef Max Graf von Rechberg. Denn, und dies war offenbar vielen in dem Gremium neu, die "Gemeinde Zeitung" verlegt nicht etwa der Gemeindetag. Sondern die KPV. Dahinter stecke die Kommunalpolitische Vereinigung der CDU/CSU, klärte Graf Rechberg seine Stadtratskollegen auf. Deren Landesvereinigungen "erarbeiten allgemeine Richtlinien für die praktische Arbeit in den kommunalen Vertretungskörperschaften nach den Grundsätzen der Union". Was eine parteipolitische Zeitung auf den Tischen eines konstitutionell parteiunabhängigen Gremiums wie dem eines Stadtrats zu suchen hat, darüber lässt sich im Grafinger Fall freilich hinwegsehen. Schließlich kommt die "Gemeinde Zeitung" so wenig schwarzgefärbt daher, dass die KPV-Herausgeberschaft all die Jahre niemandem aufgefallen war. Und überhaupt, zurück zum Thema, ging es ja um die Papierverschwendung.

Die ist nur mit Kompromissen bei der Informationsbeschaffung erreichbar, wie der CSU-Fraktionschef mitteilte. Anders als die traditionell im Stadtrat verteilte Printausgabe sei die Online-Ausgabe leider nur für Mitglieder der CSU verfügbar. "Bei einer Anmeldung kann oder darf ich nur CSU-Stadträte angeben." Unterm Strich bleiben den Grafinger Stadträten außerhalb der CSU nicht mehr viele Optionen: Sie verringern ihren Papierverbrauch und nehmen einen möglichen Informationsvorsprung der CSU-Stadträte in Kauf. Sie verkürzen den Vorsprung auf Kosten ihres persönlichen Papierverbrauchs. Oder sie treten schnellstens in die CSU ein.

© SZ vom 08.04.2021
Zur SZ-Startseite