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Mitten in Grafing:Des oide Graffe

Wie eine unsachgemäß entsorgte Kloschüssel im Grafinger Stadtpark zum Symbol sprachlichen Wandels werden kann.

Glosse von Korbinian Eisenberger

Eine Kloschüssel samt Deckel auf einer Wiese. Vor 15 Jahren hätte man dieses Foto noch mit Heftklammern an die schwarzen Bretter der Stadt gezwickt: Im digitalen Jahr 2020 wurde das Bild ins Internet gestellt, genauer auf die Facebook-Seite "Grafing - Meine Stadt". Dort ist zu erfahren, dass der Besitzer die Schüssel offenbar mitten im Grafinger Stadtpark platziert hat. Allerdings ist das Klo-Set ohne Spülknopf und Klopapier unvollständig, sodass man Aktivismus für öffentliche WCs ausschließen darf. In der Facebook-Gruppe nach unten gescrollt, verdichten sich die Hinweise: Ein altes Fahrrad zwischen Waldfriedhof und Mariensäule, leere Glasflaschen oberhalb vom Grafinger Schönblick. Die Flaschen, das Radl und die Schüssel eint: Sie wollte wohl keiner mehr haben.

Solche Gebilde, deren Besitz nicht mehr lohnt, tut der Oberbayer gerne als Graffe ab. Ein Wort, das man im deutschen Duden vergeblich sucht. Fündig wird man jedoch in anderen Sprachfibeln. Im italienischen bezeichnet graffe eine Heftklammer. So fällt die linguistische Symbiose leicht. Schließlich wird die Heftklammer im papierlosen Zeitalter ihren Zweck verlieren. In Italien genau wie in Bayern, wo es dann irgendwann heißt: "Hau weg, des oide Graffe."

Der sprachwissenschaftliche Ursprung von Graffe im deutschen Wort Geraffel droht angesichts solcher Prognosen genauso in Vergessenheit zu geraten wie die Heftklammern dieser Welt. Das hat auch Vorteile, denn wo Altes weicht, kann Neues entstehen. Das Foto der Klo-Rohform etwa ist mittlerweile von der Facebook-Seite verschwunden. Ob das auch für die analoge Schüssel im Stadtpark gilt? Falls nicht, wird der Tag kommen, an dem Linguisten sie endlich erkennen: die Verwandtschaft von Graffe und Grafing.

© SZ vom 21.11.2020

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