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Mitten in Ebersberg:Weil der Mond so steht

Anstatt sich Gedanken über die Zukunft zu machen, wird lieber die neu angeschaffte Gitarre hervorgeholt. Unglaublich, wie schnell man auf diese Art und Weise ein Instrument erlernen kann

Kolumne von Nathalie Stenger

Der Mond im Zwilling sei sprunghaft, heißt es im Internet, schnelle Gemütsänderungen seien keine Seltenheit. Aha! Deswegen fallen Entscheidungsfindungen auch so schwer, jetzt weiß man Bescheid, also alles gut. Das Browserfenster mit den dubiosen Astrologieseiten wird mit einem zufriedenen Lächeln geschlossen, das Gemüt ist beruhigt, jetzt, da die Erklärung für das eigene Verhalten bekannt ist, ergibt die ganze Prokrastination der vergangenen Tage und Wochen einen Sinn. Gerade in Kombination mit Kontaktbeschränkungen zeigt ein gedankliches Fazit aber: Weitergehen kann es so nicht mehr.

Erst schien es vorbei zu sein, mit der unerschöpflichen Kreativität. Spektakulär und schrecklich aufwendig angerichtete Abendmahle hatten sich längst wieder in ein simples Käsebrot verwandelt, stümperhaft zusammengetupfte Gemälde wurden mittlerweile schon dreimal wieder weiß übermalt, da gab es doch noch einen unerwarteten kreativen Anfall: die Umgestaltung des Schlafzimmers.

Dort wo sich vorher ein Regal befand, steht nun das Bett, und da wo das Bett war, ist nun nichts, und es sieht so viel besser aus. Praktischerweise hat die Rumschieberei auch einiges an Zeit in Anspruch genommen, da konnte man nicht umhin, die anstehenden Entscheidungen zum Thema Zukunft und Gedanken zum Sinn des Lebens auf den nächsten Tag zu verschieben! Und wieder den nächsten.

Der Blick fällt durch die Balkontür auf das in Quarantänezeit angezüchtete Basilikummeer, das zu einem Drittel von Schnecken vernichtet wurde. An den Hocker gelehnt ist die Gitarre, die neueste Errungenschaft im Zeitalter des Aufschiebens. Eine einfache gebrauchte ist es, ein bisschen schräg klingt sie ab und zu. Jedes Mal, wenn es darum geht, sich um die Zukunft zu kümmern, wird sie herausgeholt - eine Fusion aus Prokrastinieren und Musizieren sozusagen. Unglaublich, wie schnell man auf diese Art und Weise ein Instrument erlernen kann.

Eine Nachricht ploppt auf dem Bildschirm auf: Vom Sternzeichen ist die Rede, der Skorpion sei entschlossen und zielstrebig, besonders die Skorpionfrau. Ja, großartig, das war's wohl mit der Ausrede. Egal - wo gibt es hier denn bitte ein gebrauchtes Cello?

© SZ vom 08.07.2020

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